Schweeeestaaaaa…oder warum uns Begriffe nicht retten werden!

Ich mache mich ja gerne unbeliebt wenn ich sage, dass ich Schwester XY bin und das auch so nach Außen vertrete.

Aber mal von Vorne. Ich bin eine waschechte Krankenschwester, eine der Letzten sozusagen, mit einem Examen von 2002 (ja, Tatsache…so alt bin ich schon). Die Ausbildung war damals völlig anderes gelagert, mehr im medizinischen weniger im pflegerischen und Evidenz konnte damals noch nicht buchstabiert werden. Man hatte rudimentäre Ahnung davon, dass „Fönen und Eis“ nicht mehr das Mittel der Wahl bei Dekubitusbehandlung ist, konnte es aber eben nicht belegen. Wir arbeiteten in Wirklichkeit mit „Anekdotenevidenz“ und „althergebrachten Methoden“ die die Jahrzehnte irgendwie überdauert hatten.

Die Aufmerksamkeit lag auf der ärztlichen Assistenz, nichts weiter. Wir wurden als hübsches Beiwerk wahrgenommen über dessen Anstellung teilweise noch Chefärzte entschieden.

Kaum zu Glauben, dass das erst 20 Jahre her ist.

Das ist aber meine Zeit gewesen. Ich habe damals geflucht über die tägliche Erniedrigung durch die pflegerischen Kollegen und auch durch die Ärzte. Ich war und bin ein denkender Mensch und wollte als solcher wahrgenommen werden. Ich hinterfragte, erschloss mir selbst Inhalte, las Fachzeitschriften, las Bücher, ging in den Diskurs, zweifelte an und sagte auch mal „Nein“

Ich wurde wahrgenommen, ich wurde nach langen Diskussionen respektiert, ich rüttelte Kollegen auf, meine Meinung war plötzlich relevant…aber bei der Ärzteschaft, nicht bei den pflegerischen Kollegen und meine Ausbildungszeit glich damit eher einem Spießrutenlauf.

Ich hatte Einsätze, da träumen die Azubis heute von und nahm alles an Wissen mit, was ging. Nie hatte ich das Gefühl, gerade bei den sooft verhassten Ärzten, unwillkommen zu sein, ganz im Gegenteil. Ich verknüpfte Medizin mit Pflege und argumentierte auf Augenhöhe. Während andere, damals noch „Schüler“, das Essen austeilen durften, durfte ich mit zur Visite, Verbände mitmachen, Untersuchungen begleiten, Blut abnehmen, erstmalig Ultraschall machen etc.

Das Azubis heute gezielt Inhalte vorenthalten werden und Einsätze gestrichen werden führt dann auch mal dazu das eben jene nicht wissen warum eine Magensonde nach Gastrektomie NICHT nach dem Dislozieren wieder durch die Pflege platziert werden darf. Und daran ändert auch eine andere Berufsbezeichnung nichts.

Während sich aber unsere ärztlichen Ausbilder über meinen Einsatz freuten, entglitten dem Pflegepersonal oft die Gesichtszüge, was auch dazu führte das ich direkt nach meinem Examen erstmal meinen eigenen Pflexit vollzog um mein Abi zu machen.

Ich wollte weiter, Stillstand war der größte Feind, aber das „Schwester“ blieb und ich fand es nicht schlimm, war das doch eben meine Bezeichnung.

Der Gesundheits,-und Krankenpfleger kam, löste den Schwerpunkt auf Krankheiten ab und die Prävention rückte in den Mittelpunkt, wortwörtlich. Es veränderte aber nicht das, was wir eh schon immer machten. Patienten zur Gesunderhaltung beraten. Die Evidenz kam nun hinzu und man hatte ein Werkzeug für seine eigene Profession, aber das „Schwester“ blieb bei mir.

Ich fühlte mich wohl mit der Bezeichnung und tue es auch jetzt noch. Es ist ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Berufsgruppe, zu einem Tätigkeitsfeld. Letztlich ist der Begriff auch etwas schützenwertes. Vielleicht ein Relikt aus alten Tagen, wo die Schwestern eben noch wirklich Ordensschwester waren und die Aufopferung im Vordergrund stand. Darüber sind wird aber schon lange hinweg und die Gesellschaft nimmt das auch so wahr. Man weiß um die Intensität und die Belastung die wir tagtäglich ertragen müssen und das wir uns nicht mehr aufopfern für die Sache an sich.

Jetzt, im Zuge der Ausbilungsreform wird uns wieder eine neue Bezeichnung gegeben. Pflegefachmann oder Pflegefachfrau. Und trotzdem wird uns damit nicht automatisch mehr Anerkennung entgegengebracht und mir weniger als als „Schwester“

Anerkennung erarbeitet man sich ganz individuell. Nur weil ich einen schicken neuen Titel habe, sagt das nichts über den Inhalt, und der Inhalt dieser Ausbildung ist schlecht, und wird die Pflege in Misskredit bringen.

Was mir immer wieder auffällt, dass gerade viele Kollegen, egal ob ärztlicher Dienst oder Pflege, gezielt fragen ob man noch „Schwester“ sei oder GuK und die Wahrnehmung sich plötzlich ändert wenn man sagt man sei „Krankenschwester“

Das „Schwester“ avanciert zum Qualitätsmerkmal.

Ich habe auch kein Problem damit, wenn sich jemand mit dem Nachnamen vorstellen will, das ist sein gutes Recht, ich tue das nicht. Ich arbeite in einem kleinen Haus und mein Nachname ist durch meinen Schwiegervater bekannt und nicht sehr häufig hier. Mit „Schwester XY“ bewahre ich mir meine Anonymität und die mir wichtige Distanz, was aber nicht heißt das ich dadurch weniger professionell wahrgenommen werde oder mich gar für meine Patienten aufopfere.

Wir werden das Problem der Pflege nicht mit neuen Begrifflichkeiten ändern, wenn der Inhalt nicht stimmt. Die „Lagerung“ des Patienten wird auch plötzlich nicht besser oder effektiver wenn wir es nun „Positionierung“ nennen, das geschieht nur dadurch das wir wissen warum wir das tun und WIE wir das tun. Alles andere ist kleinkarierte Scheisse die uns nur vom Wesentlichen abhält und zwar von der Professionalisierung insgesamt, und die wird eben NICHT durch die Änderung eines Begriffes passieren.

Die Weglauftendenz wurde zur Hinlauftendez weils positiver klingt…ernsthaft? Wenn ich irgendwo hinlaufe weil es mir Angst macht, laufe ich vor etwas weg. Der Inhalt ist der Gleiche, klingt jetzt aber schöner.

Begrifflichkeiten werden uns nicht retten, Inhalte, Evidenz und Hochschulbildung und ein ändern des Bildes was die Politik vermittelt, dann ist auch „Schwester“ nicht schlimm, sofern es je schlimm war. Aber momentan haben wir nichts anderes selbst in der Hand um etwas zu ändern, also erhängen wir uns an Begriffen und zerfleischen uns gegenseitig wegen Bullshit!

Also lasst doch den „Schwestern“ den Begriff wenn sie es wollen, ist doch völlig wumpe. Sie ist dadurch nicht besser oder schlechter. Die schlechte Konnotation hat allein die Pflege selbst hervorgebracht, niemand sonst.

Veröffentlicht von schwesterunbequem

Alles im Blog unter der Rubrik "Über" nachzulesen

2 Kommentare zu „Schweeeestaaaaa…oder warum uns Begriffe nicht retten werden!

  1. Danke für diesen tollen Text, ich unterschreiben JEDES Wort. Was hab ich zu diesem Thema schon Diskussionen geführt, fruchtlos natürlich. Ich bin Krankenschwester, so steht es auf meinem Diplom und so möchte ich euch genannt werden. Wenn das jemand anders handhaben möchte, bitte. Aber ich bleibe bei Schwester Anna, und das mit einem gewissen Stolz!!!

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