Mensch sein

Ich habe Angst. Sehr viel sogar. Nicht um mich.

Eigentlich bin ich kein panischer Mensch und völlig rational, zum Leidwesen meiner Mitmenschen, manchmal zu rational. Das hilft mir aber meinen Job machen zu können.

Es ist nicht so, dass mich Schicksale nicht bewegen, ich nicht um Menschen trauere. Ich mache es nur auf meine Art und Weise. Alleine.

Als die ersten Nachrichten zu Covid-19 kamen, war ich nicht beunruhigt. Nach China folgte der Iran und Italien mit Horroszenarien. Medizinisches Personal arbeitet seit dem bis zum Umfallen, und das ich leider nicht metaphorisch gesprochen. Es passiert wirklich so. Sie sterben genauso wie ihre Patienten, es wird nur selten erwähnt. Erschöpfung ist das Schlüsselwort.

Die Welt folgte und stand plötzlich in Flammen. In oft prognostizierten Flammen aber der Funke wurde lang vorher ignoriert, und wird er jetzt noch. Wir alle haben die Auswirkungen unterschätzt.

Ich war bis zu einem gewissen Punkt wirklich entspannt. Ich kenne „Kriegsschauplätze“ an denen das medizinische Personal zerbricht, habe sie selbst gesehen. Ich weiß was ich kann und was nicht, dass schafft Sicherheit. Für mich, für meine Kollegen und für meine Patienten.

Aber was wenn ich mal die innere Krankenschwester ausschalte und meinen Gedanken freien Lauf lasse und an die Menschen denke die um herum existieren?

Dann ist da Panik und Angst. Dann sind da Tränen. Dann ist da Wut.

Am schwersten wiegt die Angst um geliebte Menschen, dass sie nicht unbeschadet durch diese Zeit kommen, denn, sind wir uns einig, so etwas gab es bisher nicht, und wir kennen den Ausgang nicht.

Du wägst plötzlich ab wer Probleme bekommen könnte, wer zur Risikogruppe gehören kann, wen es treffen kann. Es schnürt einem bisweilen den Hals zu und das Atmen wird schwer.

Und so mutiert ein „Pass auf dich auf“ zu etwas Neuem. Zu etwas mit viel mehr Bedeutung, zu etwas was viel tiefer blicken lässt, zu einem „ich liebe dich“, zu einem „du bist wichtig für mich“. In Zeiten wo Worte zur Belastung werden können und ungesagt bleiben müssen um nicht noch mehr Druck auf sein Gegenüber auszuüben und der Anschein erweckt wird von „bitte, du musst für mich weiter existieren“ . Dennoch ist es wichtig für jeden zu wissen, dass man eben nicht alleine ist und man Hoffnung auf ein Danach hat, egal wie dieses Danach eben aussieht. So werden wichtige Worte gegen harmlosere ausgetauscht um nicht weiter Angst zu verbreiten, nur eben mit stark veränderter Bedeutung.

Es ist eben die drohende Erschöpfung die mich sorgen lässt. Das medizinische Personal ist eine seltsame Spezies. Wird sind es gewohnt weit über die Leistungsgrenze zu gehen, unsere eigenen Bedürfnisse zu ignorieren, das Wohl des Patienten ganz in unseren Fokus zu stellen. Wir gehen eben nicht bei laufender Rea nach Hause, selbst wenn schon längst Feierabend ist. Wir fragen, bevor wir nach Hause gehen, ob wir noch helfen können und machen das dann auch. Manche gehen weiter als andere und müssen ab und an etwas gestoppt werden, weil sie sich selbst vergessen. Ich gehöre selbst dazu.

Die Krankenschwester in mir beschwichtigt, lächelt, drückt imaginäre Hände, umarmt in Gedanken und ist zuversichtlich für alle anderen.

Dabei ist mein Bestreben eigentlich diejenigen die mir wichtig sind weit fort zu bringen von diesem Irrsinn und in Sicherheit zu wissen. Um mich mache ich mir da nach wie vor keine Sorgen, das wäre auch unüblich für mich.

Gut, dass es nur Wenige gibt die nach dem anderen Teil in mir fragen.

Veröffentlicht von schwesterunbequem

Alles im Blog unter der Rubrik "Über" nachzulesen

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