Pflexit

Irgendwas zwischen „ich bin froh da raus zu sein“ und Heimweh.

Wenn die Corona Krise eins gebracht hat, dann das viele Kollegen sich mit dem Gedanken tragen dem ganzen Spuk ein Ende zu setzen und die Pflege zu verlassen. Und ich hoffe sie tun es…in Scharen.

Aber mal von vorne.

Ich bin Krankenschwester. Das ist das was auf meiner Berufsurkunde steht. Das heißt heute nicht mehr so und ist auch nicht der korrekte Begriff für professionell Pflegende. Die, die demnächst Examen machen heißen dann Pflegefachpersonen, sofern sie die Ausbildung nach dem neuen Pflegeausbildungsgesetz gemacht haben. Die, die dem noch nicht unterliegen sind Gesundheit- und Krankenpfleger*innen.

Ich war weit davor examiniert. Um genau zu sein 2002.

Für mich war es gefühlt gestern. Mein Spiegelbild sagt was anderes. Ich bin älter geworden, meine Fältchen um die Augen sichtbar und meine Stirn hat auch ein paar Längsfalten, die ich nicht mehr ignorieren kann. Und dennoch sehe ich im Spiegel immer noch die junge Frau, die sich damals für die Krankenpflege entschied und gegen einen Bürojob. Teilweise auch noch das junge naive Mädchen. Ich war sorgloser damals.

Als ich mich bewarb für die Ausbildungstelle war es nicht selbstverständlich, dass man auch einen Platz bekam. Krankenschwester werden war was Besonderes. Eltern waren stolz darauf, dass die Kinder diesen Beruf wählten. Ja, es war ein bissl heroisch. Es folgten drei Jahre Ausbildung. Ich kann die Tränen nicht zählen die ich deswegen vergossen haben. Ich habe alles Gute und alles Schlechte in diesem Beruf in drei Jahren mitgemacht. Niederträchtige examinierte Kollegen*innen die einen als Putzlappen benutzten und herausragende Kollegen*innen, die einem was beibringen wollten und auch mal fragten, wie man sich fühlte. Gefühlt schwarz und weiß. Dazwischen gab es nichts. Ich biss mich durch, absolvierte meine Ausbildung, machte mein Examen und bekam keinen Job. Das war 2002.

Kann man sich heute kaum vorstellen, aber es gab eine Zeit wo eine Pflegekraft keine Anstellung fand, weil es zu viele von uns gab. Wenn ich das in den vergangenen Jahren ab und an mal meinen Auszubildenden gesagt habe, schauten Sie mich an als hätte ich Ihnen erzählt, dass die Klimakrise beendet ist, der nahe Osten befriedet, der Hunger der Welt gestillt worden ist.

Kurzum: Sie konnten sich das nicht vorstellen. Es gab in ihrer Vorstellung schlicht keinen Überfluss an Pflegekräften. So wie es in Nord-Korea für die Bevölkerung schlicht keinen schlechten Menschen an der Spitze ihres Landes gibt.

Ich wollte nicht arbeitslos sein, also wieder ab zur Schule und in Vollzeit mein Abi nachgemacht.

Zwei Jahre später war in der Euregio immer noch nicht viel mit Stellen. Witzigerweise unterstellte man mir an zwei Häusern keine Berufserfahrung und dass man mich deswegen nicht einstellen könne. Aaaahhh ja.

Also, was dann? Studium. Super Idee. Lehramt sollte es werden, mit der großartigen Fächerkombi Deutsch, Mathe, Englisch und Geschichte. Das Studium war toll, keine Frage, aber mein Herz hing an der Pflege. Die glückliche Fügung einer Scheidung gepaart mit meinem Stolz mich nicht von meinem Exmann aushalten lassen zu wollen führte dazu das ich wieder in die Pflege ging. Das war 2006. Vier Jahre war ich raus.

Vier Jahre, in denen ich dachte, die Welt hat eine Kehrtwende hingelegt. Vier Jahre waren eine Ewigkeit.

Seitdem war ich wieder in der Pflege. Mal in der Altenpflege, mal auf einer Normalstation, mal als PDL in der Altenpflege, mal im Funktionsbereich, auch in der Leiharbeit, aber die letzten 7, fast 8, Jahre auf einer Intensivstation. Ich liebte die Arbeit. Die Teams waren oft buntgemischt, witzig und hilfsbereit. Ich lernte unfassbar viel…über mich, über Menschen im Speziellen.

Ich fühlte mich angekommen und angenommen. Der Stress wurde allerdings größer. Wir wurden zunehmend mehr mit Erlösen, Bilanzen und Dividenden als Arbeitnehmer konfrontiert. Oft gab es Schulungen für das Pflegepersonal wo uns erklärt wurde wie wir wann welchen Zettel ausfüllen mussten, um den Ertrag des Hauses zu erhöhen. Immer abschließend mit dem Satz „Sie erhalten damit ihren eigenen Arbeitsplatz“. So wurde die Bürokratie und der damit einhergehende Zeitaufwand größer, die Zeit für meinen Patienten aber geringer. Denn trotz allem: So ein Tag hat trotzdem nur 24 Stunden und ein Arbeitstag zwischen 8-10 Std. Jetzt mag der Nörgelkopp sagen „Ja, dann arbeitet halt länger“. Dem sage ich an dieser Stelle gerne „Begleite mich einen geplanten Schichtblock von 10 Tagen auf Intensiv, dann reden wir weiter“

Um das an diesem Punkt einmal klar zu machen:

Es ist nicht das frühe Aufstehen, es ist nicht das Arbeiten an den Wochenenden, auch nicht die Nachtschichten, das war uns allen vorher klar. Es ist das Pensum, die Schlagzahl, die von uns mittlerweile abverlangt wird. Eine Unfallchirurgische Station hat gut und gerne mal 40 Patienten, die betreut man heute auch mal nur zu zweit. Wenn man Glück hat, ist ein Azubi dabei, der aber ‚dummerweise‘ auch was lernen will und das mit Recht einfordert. Es gibt da keinen Spielraum mehr für einen Pateinten der etwas aufwendiger ist, der ein Bedürfnis zum Reden hat, nachdem man ihm intraoperativ einen malignen Tumor entfernt hat. Die Zeit die ich ihm „schenke“ ist die Zeit, die bei anderen Patienten fehlt. Wer jetzt immer noch nicht folgen kann:

Angenommen Sie wohnen weiter weg, oder (wie passend) es gibt eine Pandemie und sie können nicht jeden Tag zu ihrem Vater. Dieser ist operiert worden. Diagnose Darmkrebs, weit fortgeschritten. Die Prognose eher schlecht bis ganz schlecht. Ihr Vater bekommt die Diagnose morgens in der Visite mitgeteilt bzw., dass man Proben in die Pathologie geschickt hat und das Ergebnis noch aussteht, der Schnellschnitt im OP aber schon auf einen schlechten Verlauf hindeutet. Der Arzt schaut mitfühlend, ist gedanklich schon bei einem anderen Patienten. Drückt die Hand, sagt wenn er Fragen hat soll er sich melden. Der Arzt geht ab.

Zurück bleibt ihr Vater mit tausend berechtigten Fragen…was ist ein Schnellschnitt? Was bedeutet schlecht? Wie lange habe ich noch? Was ist mit meinen Enkeln? Meiner Frau? Werde ich ein Pflegefall?

Würden Sie sich nicht wünschen, wenn dann eine Pflegekraft an seiner Seite ist, und die Fragen beantworten kann, die sie beantworten kann? Die den tiefen Fall auffangen kann? Die ihn nicht allein lässt?

Ja?

Ich würde mir das auch wünschen. Aber das ist Romantik, die nicht bedient werden kann, weil wir schlichtweg keine Zeit dafür haben. Uns gehen diese Schicksale auch nahe, aber die Profitgier einzelner Gesellschafter sehen nicht ihren Vater, sondern eine Abrechnungsrelevante Leistung die Geld in die Kasse spült. In der Hoffnung das die restliche Behandlung auch in dem Haus durchgeführt wird, um weitere Erlöse zu generieren.

So, und das war jetzt die Normalstation.

Kommen wir zu meiner eigenen Herzensangelegenheit. Ich liebe die Intensivmedizin, das interdisziplinäre Arbeiten, den eigenen Kosmos, den diese Station bietet. Ja, da arbeiten dort ist anders, ganz anders. Man versteht sich durchweg als Team. Es gibt wenig bis keine Standesdünkel, und der, der es probiert, wird fix in seine Schranken gewiesen… auch die Chefärzte. Mein alter Chefarzt hat mal gesagt:

„Kathrin, man geht durch diese Tür da vorne und ist ein anderer Mensch“

Ist man. Meistens sind alle per Du, auch der Chefarzt. Ärzte helfen der Pflege, die Pflege hilft dem Arzt. Man sitzt in einem löchrigen Boot auf hoher See mit starkem Seegang und schöpft gemeinsam mit seinen Händen das eindringende Wasser wieder raus. Manchmal ist das Loch zu groß, der Wellengang zu groß und man geht unter. Doch meistens findet man in einem Kasten auf diesem Boot noch etwas zum Flicken und man übersteht gemeinsam diesen Sturm.

Ich habe die Intensivmedizin und die Station als Familie empfunden. Freude und Leid liegen dort so nah beieinander.

Aber auch dort herrscht extremer Kostendruck. Das merkt man spätestens dann wenn teure Beatmungsfilter gegen billige getauscht werden, man an uralt Beatmungsgeräten festhält, man lieber weiterhin auf Papier dokumentiert, anstatt Geld in eine digitale Lösung zu investieren, wenn die Leitung sagt, sie habe mitgeteilt bekommen man soll weniger verschwenderisch mit Handschuhen umgehen, wenn das gute Sterillium gegen eine NoName Brand ausgetauscht wird, wenn Hilfsmaterial nicht gekauft wird, wenn es stundelange Diskussionen um die optimale Sondennahrung des Patienten geht und der Apotheker das nicht bestellten darf wegen „denen da oben“.

Als Corona kam, war den meisten von uns klar, dass uns das Dingen um die Ohren fliegt, und zwar mit Ansage. Also begann der Kampf ums sichtbar werden, darum um zu zeigen was mit uns passiert. Dass wir wochenlang ohne ordnungsgemäße PSA arbeiten mussten, FFP2 Masken über mehrere Tagen tragen mussten, während Herr Heil beschloss das wir 12 Std arbeiten „durften“. Allein das Wort „dürfen“ ist ein schlag ins Gesicht. Wir wurden nicht gefragt was wir leisten können, es wurde einfach beschlossen.

Das ist etwas was die Regierung im letzten Jahr wunderbar hinbekommen hat: Beschlüsse treffen aber niemanden aus der Pflege fragen. Man hört lieber Wirtschaftlern zu, während die gesamte Belegschaft der Intensivmedizin schreit „wir können nicht mehr – wir sind am Limit“

Es wurde beschwichtigt, es wurde geklatscht und es passierte nichts…weniger als nichts. Wir wurde nicht vergessen, da hätte ich noch mit leben können, wir wurden BEWUSST ignoriert. Es war allen scheißegal was mit uns ist. Wir waren und sind Kanonenfutter für eine defizitäre Führung in einem Land was zu den wohlhabendsten der Welt gehört. Wir hangelten uns von einer Welle in die Nächste, wir mahnten, machten das Unsichtbare öffentlich, gaben Interviews, baten um Hilfe.

Und was geschah? Exakt nichts! Von ausgehebelten PPUGen rede ich schon gar nicht mehr.

Hat Ihnen schon mal jemand gesagt „Du bist der letzte Dreck und es ist mir egal ob du verreckst!“? Nein? So fühlt sich das aber an was mit dem Personal in den Kliniken passiert. Wenn du als Pflegekraft irgendwann verstehst, dass du nicht zählst, dein Leben, deine Gesundheit nichts wert ist und du doch bitte schön dein Wohl dem Volke zu opfern hast, damit tausende Deppen weiter Ihre „Grundrechte“ einfordern können und das ganze während du den 40 jährigen Familienvater intubierst, alles für die ECMO vorbereitest und weißt dass du vielleicht der letzte Mensch gewesen bist, den er gesehen hat, dann ist das Maß einfach voll. Zu voll!

Ich konnte nicht mehr. Schlafen ging nicht mehr. Ich habe Fehler gemacht. Ich war unfair, ich habe meinem Umfeld oft unrecht getan. Und das alles wofür? Für ein höheres Gesamtziel?

Haben Sie eine Ahnung davon, wie es ist nicht zu wissen, ob du vielleicht heute einen Fehler machst der vielleicht einen Menschen sein Leben kostet? Wie es ist Menschen am Fließband sterben zu sehen und im Nacken sitzt dir Geschäftsführung, die ihre schwarzen Zahlen einfordert und zu Akkordarbeit antreibt? Die dir den Bonus streicht, weil zu teuer? Die aber von dir Verständnis haben will? Wertschätzung ist keine Einbahnstraße. Sie wird aber von uns gefordert und wird es noch.

Als ich öffentlich in einem Interview anprangerte das ungelerntes Hilfspersonal auf Intensivstationen eingesetzt wurde, wurde es meinem Arbeitgeber zu bunt. Ich sagte weder, dass das auf meiner ITS so ist, noch nannte ich meine Klinik. Nichts dergleichen. Das Gespräch führte dann dazu das ich mich in einem tiefen Loch wiederfand und gekündigt habe. Ich wollte nicht egal sein, ich wollte was ändern, ich wollte das Richtige. Nicht nur für mich, sondern für eine ganz Branche, die am Krückstock geht, für eine Berufsgruppe auf deren Schultern eine globale Pandemie ausgetragen wird.

Wir dürfen arbeiten und sterben, aber bitte keine Forderungen stellen oder, Gott bewahre, etwas kritisieren.

Das ist auch der Grund, warum wir das in den allermeisten Fällen nur anonym machen. Einmal Whistleblower mit einem Namen in der Presse und du kannst es dir in die Haare schmieren einen Job zu finden. Da interessiert dann auch keinen mehr der eigene Pflegenotstand im Haus.

Egal..ich schweife ab.

Ich traf die Entscheidung ganz bewusst nicht mehr in der Pflege zu arbeiten, kündigte sogar ins Blaue hinein, ohne eine Zusage für irgendwas zu haben. Letztlich wurde ich für dieses Risiko belohnt und arbeite nun in einem Job, der noch medizinnah ist, aber eben von zu Hause aus dem Homeoffice. Ich kann bei meiner Tochter sein, kann sie abends ins Bett bringen, bei ihr sein, wenn sie wieder Albträume hat.

Meine Albträume hingegen werden wohl bleiben.

Veröffentlicht von schwesterunbequem

Alles im Blog unter der Rubrik "Über" nachzulesen

2 Kommentare zu „Pflexit

  1. Hallo,
    schön zu lesen, dass es Dir besser geht, und Du einen Weg für Dich gefunden hast. Ich kann Deine Entscheidung absolut nachvollziehen. Seit dem ich vor 4 Jahren wegen einer Prostata Operation im Krankenhaus war, frage ich mich wann das System kollabiert. Schon damals empfand ich die Arbeitssituation für die Pflegekräfte unzumutbar. Vor zwei Wochen war meine Frau Notfallmäßig Krankenhaus(MorbusChron). Was dort die Pflegekräfte geleistet haben hat nichts mehr mit einem vernünftigen, nicht krank machenden Arbeitsplatz zu tun. Meine Frau wurde sehr gut von den Pflegekräften versorgt. Aber die Umstände Ringsherum (wenn man nicht komplett die Augen zu macht) sind katastrophal. Ich werde aktiv meinen Beitrag dazu geben dass die Umstände für alle Pflegeberufen besser werden. Wenn du einen Tipp hast was ich/wir tun können? Ich wünsche Dir und deiner Tochter alles Gute für die Zukunft.

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