Woran glauben wir noch?

Woran glauben wir?

Ich meine nicht im spirituellen Sinne oder im biblischen Sinne.

Nach über zwei Jahren Pandemie frage ich mich was übrig bleibt. Welcher Glauben, speziell für eine ganze Branche, bleibt übrig?

Was hat diese Pandemie angerichtet?

Vor mehr als zwei Jahren ist Covid-19 über uns hereingebrochen. Die ersten Gedanken waren beseelt von „wir schaffen das“ und ein unbändiger Zusammenhalt innerhalb der Medizinerblase. Man sog den Podcast von Christian Drosten förmlich auf, man machte Notizen dazu, wir gründeten Chatgruppen, man vernetzte sich, man tauschte sich aus, um möglichst schnell Informationen binnen Sekunden von A nach B zu bekommen, um die bestmögliche Versorgung unserer Patienten zu ermöglichen mit dem damaligen Wissenstand um Medikamente und Therapieoptionen.

„We’re all in it“

Wir waren alle bereit dieses kenternde Schiff mit seinen vielen, spontan auftretenden Löcher vor dem Sinken zu bewahren.

Wir arbeiteten uns den Hinter auf, wir lasen in unserer Freizeit neueste Daten und erste Studien. Unser Job dauerte plötzlich keine normale Schicht mehr, sondern war 24/7 präsent. Ich selbst telefonierte teilweise quer durchs Bundesgebiet nach Dienstschluss, um weitere Informationen zu bekommen, sich weiter austauschen zu können, welche Beatmunsparameter wann wo am meisten Sinn machten, um diese dann wieder in die eigene Klinik zu tragen, an jene die nicht so gut vernetzt waren. Das sah ich als meine Pflicht an, als meinen Beitrag in einer Pandemie.

Es war normal und es war selbstverständlich. Wir wollten den großen Schaden abwenden. Das ist das was wir immer getan haben und was wir tun wollten.

Menschen, die in die Medizin gehen, und da schließe ich die Pflege natürlich auch ganz bewusst mit ein, sind ein spezieller Schlag Mensch. Wie ich bereits einmal schrieb:

„Wir sind es gewöhnt über unsere Grenzen hinauszugehen, länger zu arbeiten, nicht alles stehen und liegen zu lassen, weil das Schichtende da war“

Gerade deswegen funktionierte das marode System so lange so gut. Wir haben uns freiwillig und gerne manchmal geopfert, wenn wir wussten, dass ein Mensch überleben kann. Was sind dann schon 1 oder 2 Stunden mehr auf der Uhr? Nichts! Das klingt heroisch, soll es aber gar nicht. Das war unser Alltag.

Nur was passiert, wenn diese freiwillige Bereitschaft weit über Grenzen zu gehen plötzlich verlangt wird, gesetzlich angedroht wird oder eben mit Füßen getreten wird?

Die ersten Welle Corona war geprägt von vollem Elan. Es gab nur eine verschwindend geringe Minderheit an Querdenkern, die damals noch nicht mal diesen Namen hatten, und sich gegen die Maskenpflicht auflehnten. Wir belächelten Sie damals, wird klärten aber unermüdlich auf, redeten mit wildfremden Menschen im Supermarkt die verzweifelt Desinfektionsmittel suchten, während wir in den Kliniken nicht genug davon hatten, und auch nicht genug Schutzausrüstung. Das Klopapier wurde knapp, Geschäfte schlossen und man sah die ersten Auswirkungen wie Menschen handeln, wenn sie dazu angemahnt werden auf ein Kollektiv Rücksicht zu nehmen. Der Ton wurde rauer, aber wir alle hofften auf den Sommer 2020. Aber nach dem Sommer 2020 war vor der zweiten Welle.

Gegner wurden lauter, aber noch nicht gefährlich. Wir schmunzelten weiter wenn auch deutlich irritierter.

Die Querdenkerszene bekam dann im Laufe der Zeit auch endlich ihren Namen angeführt von diversen Schwurbelkönigen die gerne um Spenden betteln, weil der Dackel vom Großvater das fünfte Mal in Folge gestorben ist und man sich ins Ausland absetzen musste, weil alle so böse zu einem waren. Hinterfragt wird das bis heute von deren Anhängern nur selten. Wer dies tut, fliegt im hohen Bogen oder wird bedroht. Man organisierte sich also auf Telegram, man demonstrierte und übte den Schulterschluss mit rechtsradikalen Kräften, weil „es ja ok ist, wenn man für die gleiche Sache kämpft“. Nein, es ist nicht ok sich mit dem braunen Sumpf zu solidarisieren nur weil man keine Maske tragen will oder zum Schutze der Allgemeinheit keinen Test machen lassen will. Und nochmal an dieser Stelle: ES GAB NIE EINE EINSCHRÄNUNG DER GRUNDRECHTE!!

Ich weiß noch nicht mal wo dieses Narrativ herkam. Ihr konntet reisen (gut, ihr musstet Bedingungen dafür erfüllen), ihr konntet raus, ihr durftet eure Religion ausüben, sofern gewünscht, ihr durftet euere Sexualität ausleben. Ich befürchte ja, dass sich an dieser Stelle niemals jemand von denen mit Grundrechten auseinandergesetzt hat. Wer gerne will, kann sich hier nochmal belesen:

https://www.bundestag.de/parlament/aufgaben/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01-245122

Und wir in den Kliniken sahen Menschen sterben. Junge, Alte, Vorerkrankte, Gesunde und auch Kinder. Wir wissen bis heute nicht, warum manche einen schweren Verlauf nehmen und manche eben nicht, obwohl die Ausgangssituationen nahezu identisch sind. So bleibt und blieb der Geschmack eines unberechenbaren Virus, dass potenziell tödlich verlaufen kann.

Die Hoffnung auf eine konsequente Politik das exponentiell wachsende Querdenkertum einzuschränken, eine Gesamtlösung für Deutschland zu präsentieren, verlief man sich im Föderalismus, man ignorierte die Wissenschaft und zog sich eher, wenn die Kacke so richtig am dampfen war, in Beratungen zurück und traf dann zeitverzögerte Entscheidungen, während wir in der medizinischen Versorgung litten.
Der eigene Antrieb mehr zu leisten als eigentlich möglich war, wurde durch hart diskutierte Verpflichtungen ausgebremst und kam zum erliegen als es ins Geschachere um Boni ging und dann auch noch die Ärzte*Innen dabei komplett vergaß.

Wir wurden erst beklatscht, dann verhöhnt, dann bespuckt. So wie man es seit Jahrzehnten mit der Medizin macht.

Und nun sind wir bei einer Diskussion in der Öffentlichkeit, ob man die Impfflicht für Pflegekräfte wieder abschafft. An dieser Stelle sei gesagt: ES GAB NIE EINE EXKLUSIVE IMPFPFLICHT FÜR PFLEGEKRÄFTE!! Es war immer eine Impfpflicht für ALLE die in diesem Bereich arbeiteten. Also auch die Chefarztsekretärin, die Reinigungskraft, den Haustechniker und vielen mehr. Aber es wird nur auf die Pflege reduziert. Und jetzt, wo man Angst hat das ein paar Honsel sich nicht impfen lassen wollen, hat man Angst, dass das System kollabiert. Ich sage es nur ungerne, aber das System ist vor knapp 2 Jahrzehnten zum Sterben verurteilt worden.  Über 20 Jahre haben kluge Köpfe aus Pflege und Medizin angemahnt, dass wir vor einem Kollaps stehen. Wir wurden belächelt, wir wurden ausgelacht.

So und nun zu der Eingangsfrage:

An was sollen wir bitte noch glauben? AN WAS?

Es ist schlichtweg egal was wir äußern, wo wir gemeinschaftlich etwas kritisieren. Es wird bewusst überhört. Wir sind egal. Man macht einfach immer so weiter, ignoriert alles und opfert uns auf dem Scheiterhaufen der politischen Eitelkeiten, wo das Zugeben von Irrtümern genauso fatal ist wie den Willen etwas politisch zu verändern, wenn man denn in seinem Amt bleiben möchte. Also halten die Akteure den Mund, kloppen hohle Phrasen, um den Medizinpöbel hoffentlich zu beruhigen. Nur was sie damit erreicht haben ist Resignation. Resignation vor einem nicht ändernden Albtraum, vor dem Bewusstsein, dass man selbst nichts ändern kann. Und genau diese Resignation ist schlimmer als alles andere. Wir haben nur noch stupide, arbeitende Menschen in einem Beruf der mehr verlangt als abarbeiten und präsent sein, der mehr verlangt als den Tacker von rechts nach links zu schieben oder eine Exceltabelle auszufüllen.

Wir arbeiten mit Menschen! Und was kann es schlimmeres geben als den Dienst damit zu beginnen, dass einem alles egal ist, weil kämpfen für eine bessere Zukunft eh nur sanktioniert wird. Wozu Kraft aufbringen für ein System, dem wir scheißegal sind?

Ich glaube nicht daran das jemals irgendwas besser wird. Eher genau das Gegenteil.

Ich glaube nicht mehr daran, dass es eine Pro-Pflege-Politik geben wird mit einem Bundesgesundheitsministerium, dass einen echten Change forciert und nicht nur schlechte Schönheitskosmetik mit noch schlechteren Gesetzen umsetzt.

Ich glaube nicht, dass die Pflege zu retten ist.

Also? Woran noch glauben? Denn irgendwann stirbt ganz sicher auch die Hoffnung.

Veröffentlicht von schwesterunbequem

Alles im Blog unter der Rubrik "Über" nachzulesen

Ein Kommentar zu “Woran glauben wir noch?

  1. Ich bin zwar kein Arzt, aber diese Gefühle kenne ich zu gut. Man fühlt sich allein gelassen von einer politischen Kaste, die sich vor allem einer publicity orientierten Aktivitätssimulation hingibt. Bei dem das Ziel nur ist, den nächsten Nachrichtenzyklus zu gewinnen. Es gibt keinerlei langfristige Planung, noch nicht einmal Ziele. Und alles, was Mittel bis langfristig ist, wird ignoriert, aufgeschoben oder zu Brei zerredet. Bloss keine Angriffsfläche bieten.

    Und die zu lösenden Themen sind lang. Klimawandel. Rente. Gesundheitssystem inkl. Zwei-Klassen, eigentlich Drei-Klassen Medizin. Sinnvolle Einwanderungsregelungen. Einsatzfähigkeit der Bundeswehr. Wohnungsbau. Kalte Steuerprogression und steigende Vermögens- und Einkommensscheren. Digitalisierung. Bildung. Artensterben. Überwachung.

    Aber wir beschäftigen uns damjt, wer wen liked, wer eine junge Frau ist oder so genannt wird, wer im Fernsehen zum falschen Zeitpunkt lacht und wie lang ein Hund am Tag zum Pinkeln gehen muss.

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