Bitte antworten Sie in maximal 2 Sätzen was in der Pflege geändert werden muss

So, oder ähnlich, erhalte ich oft Fragen in Interviews.

Das sind dann die Momente, wo ich kurz innehalte, schmunzeln muss, dann zum Telefon greife und meinen Interviewer anrufe, um zu erklären WARUM das eben nicht in 1-2 Sätzen zu erklären ist.

Im direkten Diskurs wird dann schnell klar, dass der Interviewer nur eine rudimentäre Ahnung hat was die Thematik an geht. Oft wird aber auch nur ein Standardsatz wie „Besser Arbeitsbedingungen, mehr Lohn, mehr Personal“ erwartet. Reihenfolge egal, gerne mit emotionalen Füllwörtern. Fertig ist das Interview.

So einfach ist das aber leider nicht. Ich gebe gerne zu, dass ich vor ein paar Jahren selbst sehr unreflektiert nach besseren „Arbeitsbedingungen“ geschrien habe, ohne mir überhaupt Gedanken zu machen, was ich da überhaupt sage.

Die Forderung nach mehr Gehalt teile ich gerne. Das ist auch auf den ersten Blick einfach in einem Satz erklärt. Wir sind uns alle einig, dass Pflege besser entlohnt werden muss. Jetzt kommt aber das dicke ABER: Aber sie muss auch besser refinanziert werden, sprich es gibt nicht nur die Arbeitnehmerseite, sondern auch die Arbeitgeberseite. Und damit sind wir bei diesem unscheinbaren Thema von Gehalt nicht mehr bei einer Ein-Satz-Antwort.

Um das ganze Mal auf die bildlichere Ebene zu holen:

Eine Freundin von mir hat einen Pflegedienst. Klein, fein, familiär, nett. Sie ist eine großartige Chefin, hat den Rundumblick, ist bemüht darum das es ihren Mitarbeitern gut geht, plant die Touren mit Bedacht. Vor ein paar Jahren wäre es für mich erstrebenswert gewesen dort zu arbeiten. Mittlerweile nicht mehr. Im Schnitt verdient eine Pflegefachkraft circa 1/3 weniger als in der stationären Akut- und Langzeitpflege (und letztere ist wirklich oft schlecht bezahlt)

(https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/4_Pressemitteilungen/2015/2015_1/150127_zuPM-Anlage_Studie_zu_den_Entgelten_der_Pflegeberufe.pdf)

Diese Zeilen stammen aus dem Bundesgesundheitsministerium und wurde 27.01.2015 veröffentlicht.

2018 veröffentlichten Seibert, Carstensen und Wiethölter über das IAB folgendes:

(http://doku.iab.de/arbeitsmarktdaten/Entgelte_von_Pflegekraeften.pdf)

Sie kamen in dieser Auswertung zu dem Schluss, dass nicht nur ein Unterschied zwischen West und Ost existiert, sondern auch in welchem Bereich die Fachkräfte und Hilfskräfte arbeiten. Weiter dazu im Fazit aus Seite 5:

Sie sind aufgrund der ausgehandelten Pflegesätze außerdem weniger

flexibel als in anderen Wirtschaftsbereichen. Zugleich ist der Lohn als Instrument zur

Motivation und längerfristigen Mitarbeiterbindung und im Rahmen des weiter wachsenden Fachkräftebedarfs von erheblicher Bedeutung (vgl. Bogai 2017).

Dennoch unterscheiden sich die Löhne in der Pflege nach wie vor erheblich zwischen

den Pflegeberufen, den Bundesländern und den verschiedenen Pflegeeinrichtungen“

Man kennt das Problem jetzt nun nicht seit 2018 oder 2015, sondern schon länger.

Meine Freundin würde gerne mehr Gehalt zahlen, kann es aber eben nicht wegen den, wie gerade eben genannten, ausgehandelten Pflegesätzen. Nur sind wir mal ehrlich, wer gute Pflege will, muss sie auch bezahlen. Ich verwende gerne das Beispiel mit dem Schreinermeister. Wer eine Treppe benötigt, aber nur 300€ zahlen will bekommt eine Leiter, aber eben keine Treppe.

Wir befinden uns in einer Gesellschaft die grundsätzlich immer alles und zu jedem Zeitpunkt bekommt. Egal ob es das Hackfleisch samstagabends um 21 Uhr im Supermarkt ist, oder der Fernseher, den man online bestellt und am nächsten Tag geliefert bekommt. Wir haben Zugriff auf alles, zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Auch in den Kliniken erleben wir diese Mentalität immer häufiger. Da muss der seit 3 Wochen bestehende Rückenschmerz dann Sonntagnacht „schnell mal eben abgeklärt werden“ in der Notaufnahme. Auch die Medizin und Pflege ist ein allseits abrufbares Gut für viele geworden. Aber was, wenn eben jenes Gut nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung steht?

Wie Carstensen et al formuliert haben, spielt auch das Gehalt in Hinblick auf Mitarbeiterbindung eine große Rolle. Fachkräfte und auch Hilfskräfte zu bekommen wird immer schwieriger. Die Arbeitslosenquote der Pflegefachpersonen liegt aktuell bei 1,1% (https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statischer-Content/Statistiken/Themen-im-Fokus/Berufe/Generische-Publikationen/Altenpflege.pdf?__blob=publicationFile&v=7 )

Das sind für die Krankenpflege 12.400 Arbeitslose. Inkludiert sind dort Experten, Fachkräfte und Hilfskräfte. Demgegenüber stehen 15.500 offene Stellen, die nicht besetzt werden können.

Schaut man sich also die letzten Jahre an, hat sich da nur marginal was verändert bzw. ist gleichgeblieben.

Was auch nicht beachtet wird ist, dass eine Pflegefachperson sich ihren Job eben aussuchen kann und nicht jedes freie Angebot „ums Eck“ annehmen muss. Somit haben wir eigentlich einen arbeitnehmerdominierten Arbeitsmarkt. Der reine Wirtschaftler würde sagen, dass das die beste Voraussetzung ist, um individuell ein besseres Gehalt auszuhandeln. Dem ist leider nicht so.

Dass Headhunter anrufen oder mailen passiert relativ häufig, besonders im letzten Jahr. Ob es an der medialen Aufmerksamkeit lag, vermag ich nicht zu sagen. Ein Angebot kam von rund 80km Entfernung. Es war bewusst, dass diese Entfernung vorlag. Meine Bedingungen waren klar formuliert. (Fachweiterbildung). Über das Gehalt könne man reden. Man lud mich zur Hospitation ein. Die Station war großartig, das Team nett. Die 80km störten mich nicht wirklich. Als es dann ans Eingemachte ging, wurde die Fachweiterbildung mit der Begründung vom Tisch gewischt, dass ich erst 2-3 Jahre im Haus sein müsste. Würde schließlich Geld kosten. An einer Beteiligung der Fahrtkosten war man nicht interessiert, schließlich wäre ein eigener Vertrag mit einer einzelnen Pflegekraft nicht möglich. (Bei Ärzten ist dies im Übrigen durchaus möglich). Eine höhere Eingruppierung in die Entgeltabelle schlug man ebenfalls aus, aber man begrüßte das ich Pflegewissenschaft studiere und würde gerne von dem Benefit profitieren. Eine Beteiligung an den Kosten des Studiums wurde ausgeschlossen.

Ich lehnte dann dankend ab. Fakt ist, dieses Krankenhaus war mehr auf mich angewiesen als ich auf sie. Dieselben Bedingungen finde ich hier zuhauf im Umkreis. Dafür müsste ich eben nicht jeden Tag 160km fahren. In diesem KH wurden Betten gesperrt, weil es zu wenig Personal gab, man brauchte auch Menschen wie mich händeringend, war aber nicht bereit auch dafür mehr zu bezahlen. So holt man sich lieber die umgangssprachliche Leiharbeit ins Haus. Zu zahlende Stundenlöhne an die Arbeitnehmerüberlassung variieren stark, liegen aber zwischen 35 – 55€/Std. (Je nach Region und Ausbildung; lokal auch mal um ein Vielfaches höher). Jetzt könnte man meinen, dass dem Klinikbetreiber doch auffallen muss, dass es Irrsinn ist einer festangestellten Pflegefachperson nicht ein ähnliches Gehalt zu ermöglichen. Fakt ist aber, dass diese Kosten eben nicht als Personalkosten gewertet und abgerechnet werden, sondern erstmal auf ein Sachkonto gebucht.  Später dann werden diese Kosten dem entsprechenden Personalkonto zugerechnet, aber nur das tarifübliche Gehalt. Mehrkosten berühren nicht das Pflegepersonalbudget. Sprich, es bleiben Sachkosten.

Dazu das KHEntgG §6a Abs2:

„Bei Beschäftigung von Pflegepersonal ohne direktes Arbeitsverhältnis mit dem Krankenhaus, insbesondere von Leiharbeitnehmern im Sinne des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes, ist der Teil der Vergütungen, der über das tarifvertraglich vereinbarte Arbeitsentgelt für das Pflegepersonal mit direktem Arbeitsverhältnis mit dem Krankenhaus hinausgeht, und damit auch die Zahlung von Vermittlungsentgelten, nicht im Pflegebudget zu berücksichtigen.“

Es ist also unattraktiv und unwirtschaftlich für eine Klinik höhere Gehälter als im Tarif vereinbart zu zahlen, sofern festangestellt. Dieses Mehr an Lohnkosten kann nur über das Pflegepersonalbudget verrechnet werden.

Das zu das KHEntgG §6a:

„Weichen die tatsächlichen Pflegepersonalkosten von den vereinbarten Pflegepersonalkosten ab, sind die Mehr- oder Minderkosten bei der Vereinbarung der Pflegebudgets für das auf das Vereinbarungsjahr folgende Jahr zu berücksichtigen, indem das Pflegebudget für das Vereinbarungsjahr berichtigt wird und Ausgleichszahlungen für das Vereinbarungsjahr geleistet werden. Das Pflegebudget ist in seiner Entwicklung nicht durch den Veränderungswert nach § 9 Absatz 1b Satz 1 begrenzt. Die Wirtschaftlichkeit der dem einzelnen Krankenhaus entstehenden Pflegepersonalkosten wird nicht geprüft und § 275c Absatz 6 Nummer 1 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch ist zu beachten; die Bezahlung von Gehältern bis zur Höhe tarifvertraglich vereinbarter Vergütungen gilt als wirtschaftlich, für eine darüber hinausgehende Vergütung bedarf es eines sachlichen Grundes.“

Soweit so gut, der sachliche Grund wäre ja gegeben: Es fehlt Personal, man kann die Betten nicht öffnen, weil es ja die schönen PPuG gibt, zahlt man halt mehr Gehalt.

Liest man weiter, kommt folgendes:

„Sofern das Krankenhaus ab dem Jahr 2020 Maßnahmen ergreift oder bereits ergriffene Maßnahmen fortsetzt, die zu einer Entlastung von Pflegepersonal in der unmittelbaren Patientenversorgung auf bettenführenden Stationen führen, ist von den Vertragsparteien nach § 11 zu vereinbaren, inwieweit hierdurch ohne eine Beeinträchtigung der Patientensicherheit Pflegepersonalkosten eingespart werden.“

Bedeutet einfach ausgedrückt: Ihr dürft einen Mehraufwand haben, aber bitte spart das auch an anderer bzw. Pflegestelle wieder ein. Ein Paradoxon. Denn wirtschaftlich ist, was durch Tarifverhandlungen vereinbart worden ist.

Selbst wenn die Arbeitgeber also wollen, werden sie durch das KHEntgG und das Krankenhausfinanzierungsgesetz gehindert. Es gibt schlichtweg keine Möglichkeit von Ausnahmen, ohne wieder andere Bereich in Mitleidenschaft zu ziehen. Das würde unweigerlich zu einer Spaltung innerhalb der Belegschaft kommen. Von diesem Gesichtspunkt her kann ich die Klinken verstehen, wenn es keine Ausnahmen gibt. Ich würde nicht wollen, dass durch mein höheres Entgelt jemand unterm Strich gekündigt werden muss.

Es bliebe also nur eine Möglichkeit: Großflächige Kündigungen, Abwanderungen in die Leiharbeit und so durch die Arbeitnehmer Druck auf die Politik ausüben. Man möge sich mal vorstellen, dass ein großes Uniklinikum von jetzt auf gleich ohne Personal dastünde. Klingt verlockend, wird aber nicht passieren da die Pflege nicht organisiert ist, ihre Macht nicht erkennt und es letztlich dann doch ganz ok so ist wie es ist. Ein Teufelskreis.

Aber kommen wir doch mal auf die bereits erwähnte Leiharbeit.

Von einigen Politikern als das Grundübel der Menschheit empfunden, was es zu bekämpfen und verhindern gilt und als Patientengefährdung gesehen wird (https://www.pflegen-online.de/dilek-kalayci-spd-will-zeitarbeit-verbieten), so ist es dennoch für einige Kollegen ein teilweiser Ausstieg. Natürlich bleiben die prekären Bedingungen dieselben, aber die Bezahlung ist deutlich besser, man kann die Klinik oder das Heim wechseln, wenn es ganz arg ist, man kann sein Frei vorgeben und eben durch das höhere Gehalt kann eine vorherige Vollzeitbeschäftigung in Teilzeit geändert werden. Liest man solche Äußerungen wie diese von Frau Kalayci stellt man sich unweigerlich die Frage, wie viele Kollegen denn in einer Arbeitnehmerüberlassung (ANÜ) verortet sind.

Dazu der Interessenverband deutscher Zeitarbeitunternehmen (IGZ)

https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&cad=rja&uact=8&ved=2ahUKEwj3uJK4t5zyAhXOgf0HHXB5DpAQFnoECAQQAw&url=https%3A%2F%2Fig-zeitarbeit.de%2Fsites%2Fdefault%2Ffiles%2Fredaktion%2Fartikel%2F2019%2F20180329_argumentation_pflege.aktuell_2.pdf&usg=AOvVaw3bF2GPEuvjJG3YxjDrxDnb

Bei maximal 2% von 1,7 Mio. Beschäftigten im Pflegebereich, muss man jetzt keinen komplizierten Dreisatz mit Wurzelziehen können, um auszurechnen, dass das eher eine vernachlässigbare Anzahl an Kolleg: Innen ist. Aber dennoch sprach und spricht man von Verbot. Eine nachvollziehbare Antwort bleibt man aber schuldig. Dass auf das Allgemeinwohl oder den Teamspirit zu schieben, lasse ich an dieser Stelle nicht gelten. Vielleicht sollte man sich an dieser Stelle die Frage stellen warum eben jene Kolleg:Innen das feste Team verlassen, um in der ANÜ ihr Glück zu finden. Zum einen sind es monetäre Anreize, wie vorhin erwähnt, zum anderen ist es schlichtweg die gewährte Flexibilität. Als Beispiel kann man sich dafür die alleinerziehende Mutter oder Vater nehmen, die noch ein Schul- oder Kitakind versorgen müssen. Wenn dann noch eine schlechte soziale Umfeldstruktur dazukommt, ist ein normaler Schichtdienst fast nicht mehr möglich, oder nur mit sehr großen Abstrichen. Kindertagespflegeeinrichtungen mit dementsprechenden Zeiten, die dem Schichtdienst Rechnung tragen, gibt es selten. Zudem muss man sich auch mal bewusstwerden, dass 6 Uhr Schichtdienstbeginn bedeuten würde, dass das Kind je nach Erreichbarkeit von Betreuung und Arbeitsstelle gut und gerne dann auch mal um 4 Uhr aus dem Schlaf gerissen werden müsste. Und nicht ganz unironisch sage ich an dieser Stelle: Kitakinder und Grundschulkinder können sich noch nicht allein anziehen, Frühstück machen und dann eigenständig zur Kita. Vielleicht mag der ein oder andere jetzt schmunzeln, aber ja, ich habe solche abstrusen Forderungen schon gehört. Von Kolleg:Innen. Auch dass man so ein Kitakind auch schon mal in der Wohnung einschließen könnte für eine Schicht! Glauben Sie nicht? Hätte ich auch nicht, wenn ich nicht danebengestanden hätte.

An dieser Stelle sei versichert, wer sein Team liebt, seine Klinik liebt, die Arbeit vielleicht nicht immer großartig findet, aber unter Strich ganz ok, verlässt nicht seinen Arbeitsplatz, um rein aus monetären Beweggründen in die ANÜ zu wechseln. Oft ist es ein Mix aus fehlender Wertschätzung, Respektlosigkeit im Team, die Schlagzahl, die gefordert wird, die verweigerte Weiterbildung, das ständige Anrufen im Frei und Urlaub, ob man nicht doch einspringen kann, die 12 Tagesschichten mit 2 freien Tagen um sich zu „erholen“ sowie das Ignorieren von Arbeitsschutzgesetzen und Ruhezeiten. Letztlich bietet die ANÜ zwar ständig wechselnde Kliniken, aber mehr Planungssicherheit und eben auch mehr Lohn. Das System bleibt dasselbe, aber wenn es schon mistig läuft, warum dann nicht woanders mehr Geld bekommen? Ich finde, dass das eine durchaus berechtigte Frage ist, die man sich gefallen lassen muss. Als Arbeitgeber: In, als Politiker: In.

Dennoch, wir reden noch nicht mal von 30.000 Kolleg: Innen, die diesen Weg gewählt haben, von einer Bedrohung zu reden, halte ich nach wie vor für völlig überzogen und realitätsfern. Ich wünschte es wäre anders. Ich wünschte jede zweite würde ich die ANÜ wechseln und die eigene Klinik müsste dieselbe Mitarbeiter: In wieder teuer einkaufen, weil sonst der Betrieb gefährdet wären. Meine Hoffnung wäre, dass Kliniken sich dann die Frage stellen, warum die Mitarbeiter: Innen gegangen sind, was sie hätten tun können, aber das ist Schwarzwaldklinikromantik. Ich versichere Ihnen, diese Frage wird sich niemand stellen. Eher wird man die Schuld bei den ANÜ suchen. Nach 20 Jahren in diesem Beruf kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass es nur sehr wenige Klinikbetreiber: Innen gibt die sich aktiv damit auseinandersetzen würden. Erst wenn die Bilanz der Klinik so schlecht wäre aufgrund der Kosten und man vielleicht, dank des Krankenhausfinanzierunggesetz kurz vor der Schließung stehen würde, würde man sich das vielleicht fragen. Vorher aber nicht. Und selbst dann wäre ich mir nicht so sicher, ob die Schuld beim Personal gesucht werden würde, um sich nicht mit dem eigenen Versagen auseinanderzusetzen. Ja, 20 Jahre Klinik lassen einen so pessimistisch und verschwörungstheoretisch in dem Bereich denken.

Wir sehen also, dass die Forderung nach mehr Gehalt zwar wichtig ist, auch umgesetzt werden muss, dafür aber eben auch die Grundlagen geschaffen werden müssen. Entweder eben per Gesetz, dass ein individuelles Plus nicht gleich zu Kürzungen in anderen Bereichen führt oder eben über die Tarifverhandlungen, wenn dies als goldener Standard verwendet wird.

Apropos Tarifverhandlungen! Ein schwieriges Thema. Allein dazu könnte ich stundenlang schreiben und am Ende käme wieder dabei heraus, dass wir entweder nichts wert sind oder eben selbst schuld, weil wir uns nicht organisieren. Unsere Stammgewerkschaft, die eigentlich für uns zuständig ist (Verdi) kommt gerne zu dem Schluss, dass sie deswegen keine höheren Löhne aushandeln, weil sich nur sehr wenige Kolleg: Innen zu Gewerkschaftsarbeit bzw. Mitgliedschaft bewegen lassen würden. Fragt man allerdings jene die nicht Mitglied sein wollen, mokieren sie die mangelnde Einsatzbereitschaft von Verdi bei Tarifverhandlungen und schlechten Outcomes. Subjektiv beißt sich die Katze genau dort in den Schwanz und ich muss an dieser Stelle beiden Parteien Recht geben, in Teilen. Ich selbst habe mich nie von Verdi vertreten gefühlt, auch da eher als unliebsamen Teil der Gesellschaft, der bitte nichts kritisiert und stillschweigen hinnimmt. Ganz eklatant jetzt auch in der Pandemie als Hubertus Heil die Arbeitszeitgesetze aushebelte, wird 12 Stunden arbeiten „durften“ (welch Freude!) und die Ruhezeiten auf 9 Stunden verkürzte. Eine Zwangsverpflichtung bekam man nicht durch, obwohl sie relativ oft thematisiert worden ist, gerade in NRW und Niedersachsen, dennoch war die Empörung auf Seiten der Gewerkschaft noch nicht mal ein laues Lüftchen. Die Diskussion um diese Zwangsverpflichtung war schlussendlich dann auch schnell vom Tisch, da der wissenschaftliche Dienst der Bundesregierung zu dem Schluss kam, dass ein solcher Vorstoß verfassungswidrig sein.

Viele sind enttäuscht von Ver.di und Ver.di umgekehrt von wenig Mitgliedern. Vielleicht, und nur als kleiner Denkanstoß, wäre hier der Satz ganz passend: „Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, geht der Prophet eben zum Berg“. Wäre es so schwer für eine Gewerkschaft mal all den ganzen Frust über Bord zu werfen, die Hemdsärmel hochzukrempeln, nachzugeben und eine unnachgiebige Pflegepolitik durchzusetzen? Für eine starke Pflege? Für mehr Wertschätzung? Wäre das nicht das beste Mittel, um vielleicht auch Mitglieder zu gewinnen? Und wenn wir schon dabei sind, sollte sich eine Gewerkschaft nicht auch für eine Professionalisierung und Akademisierung MIT den Kammern stark machen, anstatt sie madig zu machen? Es geht nur Miteinander und nicht um eine persönliche Bias, auch nicht darum wer zuerst die Schaufel in der Hand hatte. Die Diskussion ist vielerorts einem Gerangel gewichen, hat die Sachebene verlassen und in diesem Fall ist es nicht so, dass wenn zwei sich streiten sich der Dritte freut. Der Dritte ist die Pflege, und die leidet. Massiv.

Das war jetzt das Thema Gehalt. Es hängt von vielerlei Faktoren ab. Von persönlichen, vom wollen und nicht können, vom können und nicht wollen, von Zankäpfeln, von Lobbyisten, von Aktionären. Der traurige Clown, der es eben ausbaden muss, dabei aber noch lächeln darf, ist die Pflege.

Was Mobbing anrichtet…

Es ist abends, mir ist langweilig, ich surfe durch social-media. Instagram, TikTok, Twitter.

Viele Inhalte mit wenig Substanz meiner Meinung nach. Es ist eine Aneinanderreihung von Scheinwelten fernab des echten Lebens was Otto-Normal-Verbraucher bei sich selbst zu Hause hat. Es ähnelt einer Realitätsflucht, dem Abtauchen in den Surrealismus gepaart mit der kreischenden, kognitiven Leuchtreklame im eigenen Kopf: „SIEH HER! MEIN LEBEN IST SO GEIL! ICH HABE ALLES WAS ERSTREBENSWERT IST UND DU BIST NICHTS“ Die Kommentare bestätigen dies auch.

 Es bleibt der fade Beigeschmack von Wertlosigkeit die subjektiv jedem zweiten Bild anhaftet. Natürlich liegt es bei jedem selbst wie er das aufnimmt, verarbeitet und abspeichert.

Nehmen wir mal das Beispiel „Figur“

Ich war immer übergewichtig und wurde in einer Zeit groß in der body-positivity nicht existierte. Plus-Size wurde nicht so benannt, sondern es hieß einfach nur gehässig „die ist fett“. Alles war mir in meiner Teenagerzeit geholfen hätte mich wohlzufühlen, Dinge, die es heute gibt, gab es nicht. Kleidung war der Horror, meine Mutter hatte das Modebewusstsein eines steppenden Kohlrabis, wenn es um mich ging. Sie selbst war immer adrett gekleidet und wurde kleidertechnisch ihrer Rolle als Geschäftsfrau gerecht. Meine Schwester, 16 Jahre älter, war da auch nicht wirklich hilfreich. Also trug ich mit 11 Jahren lange Jersey-Röcke, dazu ein kastenförmiges T-Shirt in weiß aus der Herrenabteilung welches bis zu den Knien ging. Und et voilà: Das Mobbingopfer war geboren.

Ich litt, sehr. Ich war Opfer von körperlicher Misshandlung und psychischem Missbrauch. Die Reaktion meiner Eltern auf die Misshandlung war auch ein Gespräch in der Schule, aber auch eine Gewaltaktion unter Tränen in der man mich auf eine Waage zwang unter den Argusaugen meiner Eltern mit dem Endresultat, dass ich jetzt sofort abnehmen muss. Kein Wort von Empathie, von Verständnis, von Zuspruch. Meine Eltern waren beide übergewichtig. Ich kenne sie gar nicht anders. Da halfen auch keine Bilder aus der Jugendzeit meiner Eltern, wo mein Vater rank & schlank vor seinem Auto in Shorts mit Six-pack posiert und auch kein Bild wo meine Mutter, in vermutlich Kleidergröße 32/34, im Bikini am Gardasee liegt. Und auch nicht die Geschichten von meiner Schwester, die doch immer so dünn gewesen ist, dass sie in nichts Gescheites passte, weil alles schlackerte.

Ich erinnere mich wie ich weinend in meinem Zimmer mit eben jenen Worten und Bildern zurückblieb. Es blieb die unausgesprochene Aussage „du bist selbst schuld“ wie eine schwere, dunkle Wolke im Raum zurück und überschattet, wenn ich ehrlich bin, noch heute mein gesamtes Dasein. Von da an war mein Leben ein einziges auf und ab an Diäten, die mehr oder minder erfolgreich waren. Meine Eltern probierten alles an mir aus was der Markt damals hergab. Eine gesunde Ernährungsweise, ein normales Portionsverhältnis oder gar Sport wurde nicht vorgelebt. Ich erinnere mich daran, wie ich sagte, dass ich gerne Volleyball spielen wollte. Die Antwort meiner Eltern war „Dafür wiegst du zu viel, du musst erst abnehmen. Die Mädchen tragen alle knappe Höschen, wie soll das bitte bei dir aussehen?“ Die irrwitzige Konsequenz bestand darin, mich im Ruderclub anzumelden. Etwas was ich nie geäußert hatte und sicherlich nicht zu meinem lang gehegten Traum gehörte, übergewichtig in ein dünnes Holzboot zu steigen und Gefahr zu laufen zu kentern.

„Entweder das oder gar nichts“ lautete die Devise. Ich fügte mich. Ging jede Woche zwei Mal zum Training, war zusätzlich zur Schule weiterem Spot ausgesetzt, weil man sich wieder über das Gewicht lustig machte und mit meiner Sorge vorm Kentern spielte. Im Winter durfte ich gar nicht raus, da der Trainer seine Sorge äußerte, dass alle wegen mir in die kalte Ruhr fallen könnten. Also musste ich in Schal und Jacke auf dem Steg sitzen und zugucken. Ich erzählte davon zuhause und musste trotzdem hin. Schließlich hatte dieser Ruderverein Olympioniken hervorgebracht. Ein Ziel, von dem ich wusste, dass ich es nie erreichen würde, könnte und wollte.

Der ganze Spuk dauerte zwei Jahre. Zwei Jahre die mental nur weitere Schäden anrichteten. Zwei Jahre, in denen ich mich verschloss, weil ich lernen musste das Tränen und Anvertrauen nur weiter bestraft wurden und zum öffentlichen Schauspiel inszeniert wurden. Das traurige, dicke Mädchen wurde zur Zirkusattraktion, die man begaffen und misshandeln kann. Niemand schritt ein. Mein Trainer sagte damals, dass wenn ich dazugehören wolle, ich da eben durchmüsse. Als man mein T-Shirt aus der Umkleide klaute, mit Fingerfarben ein Schwein drauf malte plus ein herzerwärmendes „Oink-Oink“ lachte der Trainer und sagte nichts.

In der Schule schmierte man mir Yes -Törtchen ins Haar oder Gesicht. Und während ich noch im Unterricht weinte, schrien meine Klassenkameraden, nachdem die Lehrerin fragte, was los sein, dass ich wohl traurig bin, weil ich wohl gern mehr haben will aber jetzt die Packung leer wäre. Besagte Lehrkraft schüttelte amüsiert den Kopf und machte im Unterricht weiter. Es war die zweite Stunde und ich musste noch so den ganzen Tag im Unterricht sitzen, bis meine Mutter mich abholte.

Sie sah mich an und sagte „Lass dich nicht ärgern“ Von den Hämatomen an meinem Körper, durch Schläge, Tritte und Kneifen erzählte ich nichts mehr. Spucke kann man Gott sei Dank nicht sehen bzw. abwischen

So ging es fast jeden Tag. Über die gesamte Schulzeit.

Wer jetzt „Freunde“ in diesem Kontext sucht, dem muss ich leider sagen, dass es keine gab. Vereinzelt gab es mal jemandem dem man sich anvertraute, wo das Gefühl am Anfang auch ok war und dann aber für die eigenen Popularität missbraucht wurde, weil es eben Hip war mich zu demütigen. So machte meine damalige beste Freundin mal Fotos wie ich auf der Toilette saß. Sie vervielfältigte diese mit einem Kopierer und hängte diese Pamphlete in der ganzen Schule auf. Von Klassenfahrten will ich gar nicht erst anfangen. Geklaute Kleidung, Kleidung in der Toilette, angezündete Kleidung, bepinkelte Schuhe sind nur ein trauriger Auszug aus dieser Zeit.

Schutz gab es nicht. Und all das nur weil ich eben übergewichtig war.

Ich sehe also diese Bilder von frisch gebackenen Müttern, die sechs Wochen später ihren After Baby Body am Strand von Barbados zelebrieren. Jede Aussage daran ist falsch, auf mehreren Ebenen. Ich sehe Bilder von super schlanken Teenies, die sich feiern, dass sie in Size Zero passen und sich selbst dafür ganz sicher sogar selbst kasteien müssen. Die Lüge, dass sie alles Essen können und so viel wie sie wollen, können sie sich in ihre von Dyson Airgewrapten Haare schmieren. Sie geben ein vollkommen falsches Abbild. Ich feiere jeden jungen Menschen der sich, so wie er ist, auf social-media präsentiert. Ohne Inszenierung, ohne Filter, ohne Make-Up Artist, ohne perfekte Ausleuchtung und ohne Profi-Fotografen. Jeden jungen Menschen, der in die Plus-Size Kategorie fällt, und ich meine nicht jene die mit ihrer Kleidergröße 40 als „Plus-Size-Model“ gelten.

Ja, heute ist es eine andere Zeit. Die Anfeindungen sind deutlich weniger, wenn sie aber kommen, und sie sind immer irgendwo zu lesen, gehen sie immer in Richtung lebensunwert, ekelhaft und widerlich.

Aber wir dürfen nicht jene vergessen die sich eben nicht zeigen. Jene die misshandelt werden, die allein sind, die jeden Tag Opfer werden, die jeden Tag die Bürde es gelebten und geforderten Perfektionismus erdulden müssen. Es sind viele, ganz sicher sogar. Es ist ok mit manchen Menschen nichts zu tun haben zu wollen, aber es ist nicht ok sie auf einem Scheiterhaufen der eigenen Reputation zu opfern, es ist nicht ok sie für die eigene Popularität zu missbrauchen oder um sein eigenes, minderwertiges Ego aufzumöbeln. Die Schäden tragen diese Menschen ein Leben lang mit sich rum und sind eigentlich nur ein Schatten von dem was sie hätten sein können oder hätten erreichen können. Sich davon zu distanzieren, was passiert ist, gelingt nämlich nicht. Es wird Teil von einem, wie ein schwerer Stoff den man immer wie einen Mantel mit sich trägt.  Ich kann auch niemandem vergeben oder verzeihen. Ich hasse diese Menschen abgrundtief für das was sie mir angetan haben. Niemand muss an dieser Stelle kommen mit „Aber es waren doch Kinder“. Es gab genug Erwachsene, die sich mit schuldig gemacht haben, weggeschaut haben oder sogar eben mitgemacht haben. Es war nicht meine Aufgabe als Opfer mich selbst zu schützen, Aufklärungsarbeit zu betreiben. Das wäre die Aufgabe von Erwachsenen gewesen.

All das kocht von Zeit zu Zeit hoch, manifestiert sich und muss dann irgendwie ertragen werden. Natürlich kann man jetzt sagen, dass Psychotherapie angebracht wäre, aber meine zwei Ausflüge in dieses Bereich endeten einmal mit dem Satz „Warum sind sie so wütend?“ und einmal mit „Das ist alles lange her, sie müssen das loslassen“.

Also Therapie? Nein, danke. Ich gehe auf meine Art und Weise damit um. Sicherlich ist das noch massig Luft nach oben, aber ich lebe. Ich habe eine wundervolle Tochter, einen guten Job, lebe in einem schönen Haus und habe ein paar Freunde. Aber ich gehe härter mit Ihnen ins Gericht, überdenke jede Aussage 25-mal und überlege am Ende jeden Tages wer mir wo schaden könnte und bereite mich schon auf den Tiefschlag vor.

Dass Menschen aufrichtig freundlich zu mir sind, ohne dass sie mir schaden wollen, glaube ich nicht. Das man mich so liebt wie ich bin, auch nicht. Nicht mehr. Jeder hat einen Preis. Und wenn dieser hoch genug ist, verkauft er nicht nur die Seele seiner Großmutter, sondern auch die mentale und psychische Gesundheit eines Freundes.

So jappse ich selbst einem Ideal hinterher, was vor 30 Jahren manifestiert worden ist und weitere 30 Jahre jeden Tag so bestätigt wird. Macht das glücklich? Definitiv nicht! Macht es unglücklich? Definitiv ja!

Also was ist die Lösung? Sagen „Scheiss drauf!“ und leben? Wenn es doch nur so einfach wäre. Ich kann noch nicht mal die Bedingungen nennen, die mich glücklich machen würden. Ist es Kleidergröße 36? Sind es perfekte Haare? Perfektes Make-up? Äußerlichkeiten? Vermutlich nicht. Es wäre nur ein Verstecken und Überdecken der Wunden, die nie heilen werden. Ein Schutzschild.

Und die Blicke der anderen sieht man immer.

Vielleicht hilft aber dennoch ein bisschen mehr Selbstliebe

P.S.: macht euch mal den Spaß und sucht, wie ich, auf Pixabay nach einem Beitragsbild. Erst sucht ihr Plus-size (mit oder ohne Bindestrich ist egal) und dann sucht ihr nach „fat“

Q.E.D

Fat Funny Friend

I break the ice
So they don’t see my size
And I have to be nice
Or I’ll be the next punchline

I’m just the best friend in Hollywood movies
Who only exist to continue the story
The girl gets the guy while I’m standing off-screen
So I’ll wait for my cue to be comedic relief

Can’t be too loud
Can’t be too busy
If I don’t answer now, are they still gonna need me?
Can’t be too proud
Can’t think I’m pretty
Do they keep me around, so their flaws just seem silly?

I say I’m okay
‚Cause they wouldn’t care anyway
And I could try to explain
But my efforts in vain
They can’t relate to how I’ve

Drawn out in Sharpie where I take the scissors
If that’s what it took for me to look in the mirror
I’ve done every diet to make me look thinner
So why do I still feel so goddamn inferior?

Can’t be too loud
And can’t be too busy
If I don’t answer now, are they still gonna need me?
Can’t be too proud and
Can’t think I’m pretty
Do they keep me around, so their flaws just seem silly?

Life of the fat, funny friend
Life of the fat, funny friend

It’s funny when I think a guy likes me
And it’s funny when I’m the one who says, „Let’s go to eat“
It’s funny when I’m asked to go out on Halloween
Dresses and thigh highs, while I hide my body

Can’t be too loud
And can’t be too busy
If I don’t answer now, are they still gonna miss me?

Can’t be too loud
And can’t be too busy
If I don’t answer now, are they still gonna need me?
Can’t be too proud and
Can’t think I’m pretty
Do they keep me around, so their flaws just seem silly?

Life of the fat, funny friend
Life of the fat, funny friend
Life of the fat, funny friend
Life of the fat, funny friend

I’ve drawn out in Sharpie where I take the scissors

Song by Maddie Zahm

01:56 Uhr

Die Welt brennt, gefühlt.

Ein Krieg, von dem wir dachten, dass er niemals stattfinden würde, findet vor unserer Haustür statt und der Protagonist in dieser Geschichte droht der Welt unverhohlen mit „Reaktionen, die die Welt noch nie zuvor gesehen hat“

Man kann sich jetzt streiten was der Despot und Kriegstreiber damit gemeint hat, aber sicherlich nicht Blümchenpflücken am Wegesrand mit der NATO und anschließendem Kaffeetrinken in geselliger Runde und Haare kämmen. Er droht also der gesamten Welt mit Vergeltung sollte man sich ihm in den Weg stellen. Dass solche Aussagen nur schwer zu ertragen sind, auch im gesamthistorischen Zusammenhang, ist normal.

Die Welt hatte zwei Weltkriege. Zweimal wurde die Welt von Leid und Millionen Toten bis ins Mark erschüttert. Ich kann mich noch daran erinnern, wie in meinem Geschichtsstudium der Professor fragte, ob etwas Gutes dabei herausgekommen ist. Ich finde die Frage ist nicht zu beantworten, da es keine „Was-wäre-wenn“ Betrachtung dazu in Frage kommt, weil es schlicht keine alternative Realität gibt.

Auch jetzt gibt es sie nicht.

Wie Annalena Baerbock sagte: „Wir sind in einem anderen Europa heute Morgen aufgewacht“

So überschlagen sich die Nachrichten. Social Media mutiert zu einem unerträglichen Moloch an Desinformationen, Despoten-Fanboys und Typen, die mit verstörenden Memes der ganzen Absurdität die Krone aufsetzen, gefolgt von Regimeträumereien von bestimmten Politikern und misanthropen Äußerungen zu Flüchtenden, die ja nur unser Geld wollen und Krieg kein Grund zu Flucht darstelle.

Wenn Krieg kein Grund zu Flucht ist, WAS DANN?

So saß ich gestern mehr fassungslos, sorgenvoll und mit zunehmender Angst vor dem Fernseher und lauschte den Ansprachen von Scholz und Biden. Völlig zwiegespalten in den Gedanken, bloß nicht den russischen Aggressor weiter zu provozieren und dem Wunsch ihm Einhalt zu gebieten. Beide Empfindungen die völlig konträr zueinanderstehen.

Währenddessen trudelten die ersten Nachrichten von Freunden ein, die im Ausland leben. Meine amerikanische Freundin bot mir direkt an, dass wir zu ihnen können. Am besten sofort, solange man Europa noch verlassen kann. Ein anderer Freund aus Spanien schrieb mich ebenfalls an, dass wir jederzeit bei Ihnen bleiben könnten. So sieht es aus, wenn die Bedrohung überall und vermutlich global wahrgenommen wird.

Diese freundschaftliche Geste machte das Herz aber nur schwerer. Was tun? Was ist richtig? Bleiben? Warten? Hoffen? Gehen?

Biden spricht und meine Tochter tanzt in ihrem Fledermauskostüm durch das Wohnzimmer und singt Lieder von Encanto mit. Diese Situation ist an Surrealität nicht zu überbieten. Ich entscheide mich ins Bett zu gehen, mit meinem Kind zu kuscheln, sie im Arm zuhalten, Disney zu gucken und mich runterzuleveln.

Meine Gedanken sind ein Konglomerat an Erinnerungen aus meiner Kindheit, als junge Erwachsene, als Ehefrau und später dann als Mutter. Es ist durcheinander und schwer zu greifen.

Ich bin Jahrgang 81, ich gehöre zu einer privilegierten Generation die nie Krieg erlebt hat. Der zweite Weltkrieg war lange vorbei, der Kalte Krieg ebenfalls. Allerdings sahen wir uns konfrontiert mit dem Golfkrieg und dem Kroatienkrieg. Der Terror durch den radikalen Islam nahm ich mehr wahr und spürte auch die direkten Auswirkungen. Ich saß in der Bahn, in der die Kofferbombe nicht hochging und ich war zwei Tage zuvor im Kölner Stadtarchiv, bevor dieses zusammenbrach. Gut, letzteres ist kein kriegerischer oder terroristischer Akt gewesen, aber man war gefühlt nah dran sein Leben zu verlieren. Dennoch habe ich mich in all den Jahren nie in meiner Existenz bedroht gefühlt. Ich hatte nie Angst, dass ein Wahnsinniger so unkalkulierbar ist und eventuell einen dritten Weltkrieg heraufbeschwört und auch noch mit nuklearen Vergeltungsschlägen droht. Und dennoch, alles in Allem, sind wir eine privilegierte Generation, die immer noch vom Wirtschaftswunder profitiert, von Großeltern die Deutschland wieder mit aufbauten, von Eltern die sich für die Emanzipation einsetzten und ja, auch für eine Demokratie sorgten und sie trugen.

All das Gute schien in den Moment bedroht, aber ich schlief ein.

Um 1:56 Uhr letzte Nacht durchbrach Sirenengeheul die Nacht. Ich saß senkrecht im Bett, in völliger Alarmbereitschaft, in Panik und Angst, während meine Tochter sich die Decke über den Kopf zog, weil es laut war. Und mal ganz platt gesprochen: abends ins Bett zu gehen, nicht wissend was heute Nacht passieren wird, weil man ihm alles zutraut, und dann so geweckt zu werden ist übel.

Ich registrierte in dem Moment nicht die drei hintereinander folgenden Töne. Tausend Bilder und Geschichten meiner Eltern und Großeltern über Fliegerangriffe, Bunker, Flucht und Tote brachen in meinen Kopf. Ja, und auch das ist Geschichte. Ich wuchs mit diesen Erzählungen auf. Mein Vater wurde 1936 geboren, meine Mutter 41.

Ein Großelternpaar erzählt so gut es ging von dieser Zeit. Sehr differenziert und selbstkritisch. Aber ich sehe heute noch die Panik in den Augen meiner Mutter, wenn sie Sirenen hört. Silvester ist für sie eine Qual.

Das andere Großelternpaar schwieg. Der Großvater trank, war gewalttätig und beging später Suizid im Haus meines Vaters.

Das sind alles Auswirkungen, die ein Krieg hat. Er entmenschlicht, er ist brutal, es gibt keine Gewinner, sondern nur Verlierer, er traumatisiert. Auch Generationen danach. Auf jeder Seite. Und natürlich möchte ich das meinem Kind ersparen, natürlich möchte ich das sie die Welt genau so sieht wie ich sie sah…unbekümmert und ein Ort mit mannigfaltigen Möglichkeiten sich selbst zu entdecken, ein Ort wo jeder das Recht hat das zu sein was er ist, ein Ort wo sie keine Angst haben muss.

Und obwohl diese Geschichten nun auch die gestrige Nacht befeuerten, ist es wichtig das ich sie habe. Das wir alle sie haben. Die Geschichte darf nicht vergessen werden. Das Leid, welches durch Krieg verursacht wird, darf nicht vergessen werden. Ja, es ist ein neues Europa und vermutlich auch eine neue Welt mit einer Bedrohung vor der eigenen Haustür.

Woran glauben wir noch?

Woran glauben wir?

Ich meine nicht im spirituellen Sinne oder im biblischen Sinne.

Nach über zwei Jahren Pandemie frage ich mich was übrig bleibt. Welcher Glauben, speziell für eine ganze Branche, bleibt übrig?

Was hat diese Pandemie angerichtet?

Vor mehr als zwei Jahren ist Covid-19 über uns hereingebrochen. Die ersten Gedanken waren beseelt von „wir schaffen das“ und ein unbändiger Zusammenhalt innerhalb der Medizinerblase. Man sog den Podcast von Christian Drosten förmlich auf, man machte Notizen dazu, wir gründeten Chatgruppen, man vernetzte sich, man tauschte sich aus, um möglichst schnell Informationen binnen Sekunden von A nach B zu bekommen, um die bestmögliche Versorgung unserer Patienten zu ermöglichen mit dem damaligen Wissenstand um Medikamente und Therapieoptionen.

„We’re all in it“

Wir waren alle bereit dieses kenternde Schiff mit seinen vielen, spontan auftretenden Löcher vor dem Sinken zu bewahren.

Wir arbeiteten uns den Hinter auf, wir lasen in unserer Freizeit neueste Daten und erste Studien. Unser Job dauerte plötzlich keine normale Schicht mehr, sondern war 24/7 präsent. Ich selbst telefonierte teilweise quer durchs Bundesgebiet nach Dienstschluss, um weitere Informationen zu bekommen, sich weiter austauschen zu können, welche Beatmunsparameter wann wo am meisten Sinn machten, um diese dann wieder in die eigene Klinik zu tragen, an jene die nicht so gut vernetzt waren. Das sah ich als meine Pflicht an, als meinen Beitrag in einer Pandemie.

Es war normal und es war selbstverständlich. Wir wollten den großen Schaden abwenden. Das ist das was wir immer getan haben und was wir tun wollten.

Menschen, die in die Medizin gehen, und da schließe ich die Pflege natürlich auch ganz bewusst mit ein, sind ein spezieller Schlag Mensch. Wie ich bereits einmal schrieb:

„Wir sind es gewöhnt über unsere Grenzen hinauszugehen, länger zu arbeiten, nicht alles stehen und liegen zu lassen, weil das Schichtende da war“

Gerade deswegen funktionierte das marode System so lange so gut. Wir haben uns freiwillig und gerne manchmal geopfert, wenn wir wussten, dass ein Mensch überleben kann. Was sind dann schon 1 oder 2 Stunden mehr auf der Uhr? Nichts! Das klingt heroisch, soll es aber gar nicht. Das war unser Alltag.

Nur was passiert, wenn diese freiwillige Bereitschaft weit über Grenzen zu gehen plötzlich verlangt wird, gesetzlich angedroht wird oder eben mit Füßen getreten wird?

Die ersten Welle Corona war geprägt von vollem Elan. Es gab nur eine verschwindend geringe Minderheit an Querdenkern, die damals noch nicht mal diesen Namen hatten, und sich gegen die Maskenpflicht auflehnten. Wir belächelten Sie damals, wird klärten aber unermüdlich auf, redeten mit wildfremden Menschen im Supermarkt die verzweifelt Desinfektionsmittel suchten, während wir in den Kliniken nicht genug davon hatten, und auch nicht genug Schutzausrüstung. Das Klopapier wurde knapp, Geschäfte schlossen und man sah die ersten Auswirkungen wie Menschen handeln, wenn sie dazu angemahnt werden auf ein Kollektiv Rücksicht zu nehmen. Der Ton wurde rauer, aber wir alle hofften auf den Sommer 2020. Aber nach dem Sommer 2020 war vor der zweiten Welle.

Gegner wurden lauter, aber noch nicht gefährlich. Wir schmunzelten weiter wenn auch deutlich irritierter.

Die Querdenkerszene bekam dann im Laufe der Zeit auch endlich ihren Namen angeführt von diversen Schwurbelkönigen die gerne um Spenden betteln, weil der Dackel vom Großvater das fünfte Mal in Folge gestorben ist und man sich ins Ausland absetzen musste, weil alle so böse zu einem waren. Hinterfragt wird das bis heute von deren Anhängern nur selten. Wer dies tut, fliegt im hohen Bogen oder wird bedroht. Man organisierte sich also auf Telegram, man demonstrierte und übte den Schulterschluss mit rechtsradikalen Kräften, weil „es ja ok ist, wenn man für die gleiche Sache kämpft“. Nein, es ist nicht ok sich mit dem braunen Sumpf zu solidarisieren nur weil man keine Maske tragen will oder zum Schutze der Allgemeinheit keinen Test machen lassen will. Und nochmal an dieser Stelle: ES GAB NIE EINE EINSCHRÄNUNG DER GRUNDRECHTE!!

Ich weiß noch nicht mal wo dieses Narrativ herkam. Ihr konntet reisen (gut, ihr musstet Bedingungen dafür erfüllen), ihr konntet raus, ihr durftet eure Religion ausüben, sofern gewünscht, ihr durftet euere Sexualität ausleben. Ich befürchte ja, dass sich an dieser Stelle niemals jemand von denen mit Grundrechten auseinandergesetzt hat. Wer gerne will, kann sich hier nochmal belesen:

https://www.bundestag.de/parlament/aufgaben/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01-245122

Und wir in den Kliniken sahen Menschen sterben. Junge, Alte, Vorerkrankte, Gesunde und auch Kinder. Wir wissen bis heute nicht, warum manche einen schweren Verlauf nehmen und manche eben nicht, obwohl die Ausgangssituationen nahezu identisch sind. So bleibt und blieb der Geschmack eines unberechenbaren Virus, dass potenziell tödlich verlaufen kann.

Die Hoffnung auf eine konsequente Politik das exponentiell wachsende Querdenkertum einzuschränken, eine Gesamtlösung für Deutschland zu präsentieren, verlief man sich im Föderalismus, man ignorierte die Wissenschaft und zog sich eher, wenn die Kacke so richtig am dampfen war, in Beratungen zurück und traf dann zeitverzögerte Entscheidungen, während wir in der medizinischen Versorgung litten.
Der eigene Antrieb mehr zu leisten als eigentlich möglich war, wurde durch hart diskutierte Verpflichtungen ausgebremst und kam zum erliegen als es ins Geschachere um Boni ging und dann auch noch die Ärzte*Innen dabei komplett vergaß.

Wir wurden erst beklatscht, dann verhöhnt, dann bespuckt. So wie man es seit Jahrzehnten mit der Medizin macht.

Und nun sind wir bei einer Diskussion in der Öffentlichkeit, ob man die Impfflicht für Pflegekräfte wieder abschafft. An dieser Stelle sei gesagt: ES GAB NIE EINE EXKLUSIVE IMPFPFLICHT FÜR PFLEGEKRÄFTE!! Es war immer eine Impfpflicht für ALLE die in diesem Bereich arbeiteten. Also auch die Chefarztsekretärin, die Reinigungskraft, den Haustechniker und vielen mehr. Aber es wird nur auf die Pflege reduziert. Und jetzt, wo man Angst hat das ein paar Honsel sich nicht impfen lassen wollen, hat man Angst, dass das System kollabiert. Ich sage es nur ungerne, aber das System ist vor knapp 2 Jahrzehnten zum Sterben verurteilt worden.  Über 20 Jahre haben kluge Köpfe aus Pflege und Medizin angemahnt, dass wir vor einem Kollaps stehen. Wir wurden belächelt, wir wurden ausgelacht.

So und nun zu der Eingangsfrage:

An was sollen wir bitte noch glauben? AN WAS?

Es ist schlichtweg egal was wir äußern, wo wir gemeinschaftlich etwas kritisieren. Es wird bewusst überhört. Wir sind egal. Man macht einfach immer so weiter, ignoriert alles und opfert uns auf dem Scheiterhaufen der politischen Eitelkeiten, wo das Zugeben von Irrtümern genauso fatal ist wie den Willen etwas politisch zu verändern, wenn man denn in seinem Amt bleiben möchte. Also halten die Akteure den Mund, kloppen hohle Phrasen, um den Medizinpöbel hoffentlich zu beruhigen. Nur was sie damit erreicht haben ist Resignation. Resignation vor einem nicht ändernden Albtraum, vor dem Bewusstsein, dass man selbst nichts ändern kann. Und genau diese Resignation ist schlimmer als alles andere. Wir haben nur noch stupide, arbeitende Menschen in einem Beruf der mehr verlangt als abarbeiten und präsent sein, der mehr verlangt als den Tacker von rechts nach links zu schieben oder eine Exceltabelle auszufüllen.

Wir arbeiten mit Menschen! Und was kann es schlimmeres geben als den Dienst damit zu beginnen, dass einem alles egal ist, weil kämpfen für eine bessere Zukunft eh nur sanktioniert wird. Wozu Kraft aufbringen für ein System, dem wir scheißegal sind?

Ich glaube nicht daran das jemals irgendwas besser wird. Eher genau das Gegenteil.

Ich glaube nicht mehr daran, dass es eine Pro-Pflege-Politik geben wird mit einem Bundesgesundheitsministerium, dass einen echten Change forciert und nicht nur schlechte Schönheitskosmetik mit noch schlechteren Gesetzen umsetzt.

Ich glaube nicht, dass die Pflege zu retten ist.

Also? Woran noch glauben? Denn irgendwann stirbt ganz sicher auch die Hoffnung.

Wem wir dankbar sein sollten..

Der Zeit Artikel ist nun online und ich möchte gerne noch was dazu loswerden..

Ich möchte euch erzählen wessen Erfolg es ist, dass es diese Umfrage überhaupt gibt.

Und das ist @Photocop22 auf Twitter gewesen.

Ich erinnere mich noch gut daran als Sie mich auf Twitter anschrieb, nachdem ein paar KollegInnen unter dem #RespectNurses unter anderem von körperlichen Angriffen berichteten, wie sie geschlagen, gekratzt oder getreten worden waren.

Ich sagte, dass es zwar subjektiv ist, aber vermutlich jeder Mitarbeitende in der Klinik einmal Gewalt erlebt hat oder zumindest sehr viele.

Ich berichtete von meinen eigenen Erfahrungen.

Sie hörte zu.

Sie fragte nach.

Sie hörte weiter zu.

Sie fragte nach dem Warum.

Warum es diese Übergriffe gab, warum es niemanden interessierte, warum es nicht angezeigt wird, warum wir nicht geschützt werden.

Sie las sich in Krankheitsbilder ein, sie fragte wieder nach, sie wog ab, sie war kritisch, sie recherchierte.

Abends dann, nach vielen Gesprächen kam von ihr die Idee, diese Umfrage zu machen, um harte Zahlen zu haben, ob es wirklich nur Anekdotenevidenz oder ob sich diese gefühlte Wahrheit belegen lässt.

Wir erarbeiteten gemeinsam diesen Fragebogen, änderten Ihn wieder ab, ergänzten ihn und gaben Ihn schließlich einer Doktorandin der Psychologie zum Absegnen um ganz sicher zu gehen, dass der Fragebogen klar, eindeutig, keinen Mist oder Fallstricke beinhaltete.

An diesem Punkt sei gesagt: Diese Freundin änderte nichts! Er war gut so wie er wahr. Auch an dieser Stelle an diejenigen die gerne behaupten dieser Bogen entspräche nicht gültigen Kriterien, weil wir ja angeblich nicht akademisiert sind, dem möchte ich gerne sagen, dass du keine Ahnung hast. Du willst deine Vorverurteilungen gar nicht los werden, du willst nur hetzen und stänkern.  

Wir brachten diesen Fragebogen also in die Welt, ließen ihn online und wurde schlussendlich von der Zeit in einen Artikel gefasst. Die Hasswelle des kleinen Mannes ließ nicht lange auf sich warten, was klar war. Das ist aber ein anderes Thema.

Das dieser Artikel also überhaupt verfasst werden konnte, dass jetzt Aufmerksamkeit auf dieses so wichtige Thema gelenkt wird, haben wir allein ihr zu verdanken. Ihren Nachfragen, ihrem Wissensdurst, ihrer Empörung, ihrer Energie.

Niemanden sonst.

Ich bin stolz auf sie.

Ich bin dankbar.

Wir sollten es alle sein!

Pflexit

Irgendwas zwischen „ich bin froh da raus zu sein“ und Heimweh.

Wenn die Corona Krise eins gebracht hat, dann das viele Kollegen sich mit dem Gedanken tragen dem ganzen Spuk ein Ende zu setzen und die Pflege zu verlassen. Und ich hoffe sie tun es…in Scharen.

Aber mal von vorne.

Ich bin Krankenschwester. Das ist das was auf meiner Berufsurkunde steht. Das heißt heute nicht mehr so und ist auch nicht der korrekte Begriff für professionell Pflegende. Die, die demnächst Examen machen heißen dann Pflegefachpersonen, sofern sie die Ausbildung nach dem neuen Pflegeausbildungsgesetz gemacht haben. Die, die dem noch nicht unterliegen sind Gesundheit- und Krankenpfleger*innen.

Ich war weit davor examiniert. Um genau zu sein 2002.

Für mich war es gefühlt gestern. Mein Spiegelbild sagt was anderes. Ich bin älter geworden, meine Fältchen um die Augen sichtbar und meine Stirn hat auch ein paar Längsfalten, die ich nicht mehr ignorieren kann. Und dennoch sehe ich im Spiegel immer noch die junge Frau, die sich damals für die Krankenpflege entschied und gegen einen Bürojob. Teilweise auch noch das junge naive Mädchen. Ich war sorgloser damals.

Als ich mich bewarb für die Ausbildungstelle war es nicht selbstverständlich, dass man auch einen Platz bekam. Krankenschwester werden war was Besonderes. Eltern waren stolz darauf, dass die Kinder diesen Beruf wählten. Ja, es war ein bissl heroisch. Es folgten drei Jahre Ausbildung. Ich kann die Tränen nicht zählen die ich deswegen vergossen haben. Ich habe alles Gute und alles Schlechte in diesem Beruf in drei Jahren mitgemacht. Niederträchtige examinierte Kollegen*innen die einen als Putzlappen benutzten und herausragende Kollegen*innen, die einem was beibringen wollten und auch mal fragten, wie man sich fühlte. Gefühlt schwarz und weiß. Dazwischen gab es nichts. Ich biss mich durch, absolvierte meine Ausbildung, machte mein Examen und bekam keinen Job. Das war 2002.

Kann man sich heute kaum vorstellen, aber es gab eine Zeit wo eine Pflegekraft keine Anstellung fand, weil es zu viele von uns gab. Wenn ich das in den vergangenen Jahren ab und an mal meinen Auszubildenden gesagt habe, schauten Sie mich an als hätte ich Ihnen erzählt, dass die Klimakrise beendet ist, der nahe Osten befriedet, der Hunger der Welt gestillt worden ist.

Kurzum: Sie konnten sich das nicht vorstellen. Es gab in ihrer Vorstellung schlicht keinen Überfluss an Pflegekräften. So wie es in Nord-Korea für die Bevölkerung schlicht keinen schlechten Menschen an der Spitze ihres Landes gibt.

Ich wollte nicht arbeitslos sein, also wieder ab zur Schule und in Vollzeit mein Abi nachgemacht.

Zwei Jahre später war in der Euregio immer noch nicht viel mit Stellen. Witzigerweise unterstellte man mir an zwei Häusern keine Berufserfahrung und dass man mich deswegen nicht einstellen könne. Aaaahhh ja.

Also, was dann? Studium. Super Idee. Lehramt sollte es werden, mit der großartigen Fächerkombi Deutsch, Mathe, Englisch und Geschichte. Das Studium war toll, keine Frage, aber mein Herz hing an der Pflege. Die glückliche Fügung einer Scheidung gepaart mit meinem Stolz mich nicht von meinem Exmann aushalten lassen zu wollen führte dazu das ich wieder in die Pflege ging. Das war 2006. Vier Jahre war ich raus.

Vier Jahre, in denen ich dachte, die Welt hat eine Kehrtwende hingelegt. Vier Jahre waren eine Ewigkeit.

Seitdem war ich wieder in der Pflege. Mal in der Altenpflege, mal auf einer Normalstation, mal als PDL in der Altenpflege, mal im Funktionsbereich, auch in der Leiharbeit, aber die letzten 7, fast 8, Jahre auf einer Intensivstation. Ich liebte die Arbeit. Die Teams waren oft buntgemischt, witzig und hilfsbereit. Ich lernte unfassbar viel…über mich, über Menschen im Speziellen.

Ich fühlte mich angekommen und angenommen. Der Stress wurde allerdings größer. Wir wurden zunehmend mehr mit Erlösen, Bilanzen und Dividenden als Arbeitnehmer konfrontiert. Oft gab es Schulungen für das Pflegepersonal wo uns erklärt wurde wie wir wann welchen Zettel ausfüllen mussten, um den Ertrag des Hauses zu erhöhen. Immer abschließend mit dem Satz „Sie erhalten damit ihren eigenen Arbeitsplatz“. So wurde die Bürokratie und der damit einhergehende Zeitaufwand größer, die Zeit für meinen Patienten aber geringer. Denn trotz allem: So ein Tag hat trotzdem nur 24 Stunden und ein Arbeitstag zwischen 8-10 Std. Jetzt mag der Nörgelkopp sagen „Ja, dann arbeitet halt länger“. Dem sage ich an dieser Stelle gerne „Begleite mich einen geplanten Schichtblock von 10 Tagen auf Intensiv, dann reden wir weiter“

Um das an diesem Punkt einmal klar zu machen:

Es ist nicht das frühe Aufstehen, es ist nicht das Arbeiten an den Wochenenden, auch nicht die Nachtschichten, das war uns allen vorher klar. Es ist das Pensum, die Schlagzahl, die von uns mittlerweile abverlangt wird. Eine Unfallchirurgische Station hat gut und gerne mal 40 Patienten, die betreut man heute auch mal nur zu zweit. Wenn man Glück hat, ist ein Azubi dabei, der aber ‚dummerweise‘ auch was lernen will und das mit Recht einfordert. Es gibt da keinen Spielraum mehr für einen Pateinten der etwas aufwendiger ist, der ein Bedürfnis zum Reden hat, nachdem man ihm intraoperativ einen malignen Tumor entfernt hat. Die Zeit die ich ihm „schenke“ ist die Zeit, die bei anderen Patienten fehlt. Wer jetzt immer noch nicht folgen kann:

Angenommen Sie wohnen weiter weg, oder (wie passend) es gibt eine Pandemie und sie können nicht jeden Tag zu ihrem Vater. Dieser ist operiert worden. Diagnose Darmkrebs, weit fortgeschritten. Die Prognose eher schlecht bis ganz schlecht. Ihr Vater bekommt die Diagnose morgens in der Visite mitgeteilt bzw., dass man Proben in die Pathologie geschickt hat und das Ergebnis noch aussteht, der Schnellschnitt im OP aber schon auf einen schlechten Verlauf hindeutet. Der Arzt schaut mitfühlend, ist gedanklich schon bei einem anderen Patienten. Drückt die Hand, sagt wenn er Fragen hat soll er sich melden. Der Arzt geht ab.

Zurück bleibt ihr Vater mit tausend berechtigten Fragen…was ist ein Schnellschnitt? Was bedeutet schlecht? Wie lange habe ich noch? Was ist mit meinen Enkeln? Meiner Frau? Werde ich ein Pflegefall?

Würden Sie sich nicht wünschen, wenn dann eine Pflegekraft an seiner Seite ist, und die Fragen beantworten kann, die sie beantworten kann? Die den tiefen Fall auffangen kann? Die ihn nicht allein lässt?

Ja?

Ich würde mir das auch wünschen. Aber das ist Romantik, die nicht bedient werden kann, weil wir schlichtweg keine Zeit dafür haben. Uns gehen diese Schicksale auch nahe, aber die Profitgier einzelner Gesellschafter sehen nicht ihren Vater, sondern eine Abrechnungsrelevante Leistung die Geld in die Kasse spült. In der Hoffnung das die restliche Behandlung auch in dem Haus durchgeführt wird, um weitere Erlöse zu generieren.

So, und das war jetzt die Normalstation.

Kommen wir zu meiner eigenen Herzensangelegenheit. Ich liebe die Intensivmedizin, das interdisziplinäre Arbeiten, den eigenen Kosmos, den diese Station bietet. Ja, da arbeiten dort ist anders, ganz anders. Man versteht sich durchweg als Team. Es gibt wenig bis keine Standesdünkel, und der, der es probiert, wird fix in seine Schranken gewiesen… auch die Chefärzte. Mein alter Chefarzt hat mal gesagt:

„Kathrin, man geht durch diese Tür da vorne und ist ein anderer Mensch“

Ist man. Meistens sind alle per Du, auch der Chefarzt. Ärzte helfen der Pflege, die Pflege hilft dem Arzt. Man sitzt in einem löchrigen Boot auf hoher See mit starkem Seegang und schöpft gemeinsam mit seinen Händen das eindringende Wasser wieder raus. Manchmal ist das Loch zu groß, der Wellengang zu groß und man geht unter. Doch meistens findet man in einem Kasten auf diesem Boot noch etwas zum Flicken und man übersteht gemeinsam diesen Sturm.

Ich habe die Intensivmedizin und die Station als Familie empfunden. Freude und Leid liegen dort so nah beieinander.

Aber auch dort herrscht extremer Kostendruck. Das merkt man spätestens dann wenn teure Beatmungsfilter gegen billige getauscht werden, man an uralt Beatmungsgeräten festhält, man lieber weiterhin auf Papier dokumentiert, anstatt Geld in eine digitale Lösung zu investieren, wenn die Leitung sagt, sie habe mitgeteilt bekommen man soll weniger verschwenderisch mit Handschuhen umgehen, wenn das gute Sterillium gegen eine NoName Brand ausgetauscht wird, wenn Hilfsmaterial nicht gekauft wird, wenn es stundelange Diskussionen um die optimale Sondennahrung des Patienten geht und der Apotheker das nicht bestellten darf wegen „denen da oben“.

Als Corona kam, war den meisten von uns klar, dass uns das Dingen um die Ohren fliegt, und zwar mit Ansage. Also begann der Kampf ums sichtbar werden, darum um zu zeigen was mit uns passiert. Dass wir wochenlang ohne ordnungsgemäße PSA arbeiten mussten, FFP2 Masken über mehrere Tagen tragen mussten, während Herr Heil beschloss das wir 12 Std arbeiten „durften“. Allein das Wort „dürfen“ ist ein schlag ins Gesicht. Wir wurden nicht gefragt was wir leisten können, es wurde einfach beschlossen.

Das ist etwas was die Regierung im letzten Jahr wunderbar hinbekommen hat: Beschlüsse treffen aber niemanden aus der Pflege fragen. Man hört lieber Wirtschaftlern zu, während die gesamte Belegschaft der Intensivmedizin schreit „wir können nicht mehr – wir sind am Limit“

Es wurde beschwichtigt, es wurde geklatscht und es passierte nichts…weniger als nichts. Wir wurde nicht vergessen, da hätte ich noch mit leben können, wir wurden BEWUSST ignoriert. Es war allen scheißegal was mit uns ist. Wir waren und sind Kanonenfutter für eine defizitäre Führung in einem Land was zu den wohlhabendsten der Welt gehört. Wir hangelten uns von einer Welle in die Nächste, wir mahnten, machten das Unsichtbare öffentlich, gaben Interviews, baten um Hilfe.

Und was geschah? Exakt nichts! Von ausgehebelten PPUGen rede ich schon gar nicht mehr.

Hat Ihnen schon mal jemand gesagt „Du bist der letzte Dreck und es ist mir egal ob du verreckst!“? Nein? So fühlt sich das aber an was mit dem Personal in den Kliniken passiert. Wenn du als Pflegekraft irgendwann verstehst, dass du nicht zählst, dein Leben, deine Gesundheit nichts wert ist und du doch bitte schön dein Wohl dem Volke zu opfern hast, damit tausende Deppen weiter Ihre „Grundrechte“ einfordern können und das ganze während du den 40 jährigen Familienvater intubierst, alles für die ECMO vorbereitest und weißt dass du vielleicht der letzte Mensch gewesen bist, den er gesehen hat, dann ist das Maß einfach voll. Zu voll!

Ich konnte nicht mehr. Schlafen ging nicht mehr. Ich habe Fehler gemacht. Ich war unfair, ich habe meinem Umfeld oft unrecht getan. Und das alles wofür? Für ein höheres Gesamtziel?

Haben Sie eine Ahnung davon, wie es ist nicht zu wissen, ob du vielleicht heute einen Fehler machst der vielleicht einen Menschen sein Leben kostet? Wie es ist Menschen am Fließband sterben zu sehen und im Nacken sitzt dir Geschäftsführung, die ihre schwarzen Zahlen einfordert und zu Akkordarbeit antreibt? Die dir den Bonus streicht, weil zu teuer? Die aber von dir Verständnis haben will? Wertschätzung ist keine Einbahnstraße. Sie wird aber von uns gefordert und wird es noch.

Als ich öffentlich in einem Interview anprangerte das ungelerntes Hilfspersonal auf Intensivstationen eingesetzt wurde, wurde es meinem Arbeitgeber zu bunt. Ich sagte weder, dass das auf meiner ITS so ist, noch nannte ich meine Klinik. Nichts dergleichen. Das Gespräch führte dann dazu das ich mich in einem tiefen Loch wiederfand und gekündigt habe. Ich wollte nicht egal sein, ich wollte was ändern, ich wollte das Richtige. Nicht nur für mich, sondern für eine ganz Branche, die am Krückstock geht, für eine Berufsgruppe auf deren Schultern eine globale Pandemie ausgetragen wird.

Wir dürfen arbeiten und sterben, aber bitte keine Forderungen stellen oder, Gott bewahre, etwas kritisieren.

Das ist auch der Grund, warum wir das in den allermeisten Fällen nur anonym machen. Einmal Whistleblower mit einem Namen in der Presse und du kannst es dir in die Haare schmieren einen Job zu finden. Da interessiert dann auch keinen mehr der eigene Pflegenotstand im Haus.

Egal..ich schweife ab.

Ich traf die Entscheidung ganz bewusst nicht mehr in der Pflege zu arbeiten, kündigte sogar ins Blaue hinein, ohne eine Zusage für irgendwas zu haben. Letztlich wurde ich für dieses Risiko belohnt und arbeite nun in einem Job, der noch medizinnah ist, aber eben von zu Hause aus dem Homeoffice. Ich kann bei meiner Tochter sein, kann sie abends ins Bett bringen, bei ihr sein, wenn sie wieder Albträume hat.

Meine Albträume hingegen werden wohl bleiben.

Dein Zuhause braucht Urlaub

Dein zu Hause braucht Urlaub

So lautete der Titel eines Newsletters eines schwedischen Möbelhauses der mich heute erreichte. Sicherlich witzig und sollte darauf hinweisen, dass man doch mal frischen Wind in die eigenen vier Wände lässt und einen neue Wohlfühloase für sich und seine Liebsten schafft. Eine Umgebung, in der man gerne lebt, isst, liebt und lacht.

Ich gebe zu, ich habe den Newsletter erst nicht aufmachen wollen. Mich triggerte dieser Spruch ungemein.

Alles was ich dachte, nach über einem Jahr Pandemie, war

„Herr Gott, ICH brauche Urlaub, nicht mein zu Hause“

Die, die mich ab und an mal lesen, kennen meine Geschichte.

Für alle die, die sie nicht kennen:

Ich bin Krankenschwester, arbeitete die letzten Jahre auf Intensivstationen. Das letzte Jahr auch auf COVID ITS. Mit und an COVID Patienten, bis ich Anfang dieses Jahres den Beruf verlies, meinen Pflexit beging und nun in einem medizinnahen Umfeld arbeite, aber von zu Hause aus.

Seit Dezember ist meine kleine Tochter nicht mehr im Kindergarten gewesen. Das war eine bewusste Entscheidung. Mich erschreckten Berichte über Long-Covid bei Kindern, und sie tun es immer noch.

Als ich meinen Beruf verlies befanden wir uns noch in der zweiten Welle, zwar am Ende, aber es war noch die zweite Welle.

Heute ist die dritte Welle auf ihrem Höhepunkt. Und das Wort „Welle“ hat etwas Taktisches, etwas Ungutes angenommen. Es erinnert mich nicht mehr an die schöne Zeit am Strand, wo man aufs Meer hinausblickt, sondern an Krieg, an Angriffe, an Tod und Verderben. Und genau das ist es auch.

Ich lese Berichte, schaue mir Zahlen an, rede mit alten Kollegen, interagiere mit meiner Bubble und sehe meine Gefühle bestätigt. Es ist ein Kriegsschauplatz geworden und wird es auch bleiben. Aktuell sehen wir Bilder aus Indien und der neuen Virusvariante. Auch Kinder sind massiv davon betroffen.

„Ist doch weit weg“ lese ich ab und an.

Ich schüttele dann nur mit Kopf und habe aufgehört zu argumentieren, weil ich müde bin, weil ich weiß, dass ich diese Menschen eh nicht mehr erreichen werde in diesem Leben. Ich wünsche Ihnen dann alles Gute und das sie gesund bleiben. Zu mehr bin ich nicht mehr im Stande.

Ich habe zu viel Leid und Tod gesehen in den letzten Monaten.

Jetzt wo ich im Homeoffice sitze, darf ich mir gerne und oft anhören, dass ich ja in einer Luxussituation bin

„Du sitzt da schön warm und safe zu Hause mit deinem Kind“

Warm und safe mag stimmen, aber Luxus ist das nicht. Ich kann zwar entscheiden, wann ich aufstehe, ob ich in Jogginghose meinen Job mache, kann entscheiden, wie mein Kaffee heute sein soll, wann ich Pause mach (dass ich überhaupt eine machen kann und DARF ist echt toll), ich kann auf der Terrasse arbeiten bei schönem Wetter.

Wer diese „Eckdaten“ sieht, hat recht. Es ist eine Luxussituation.

In diesem ganzen Gefüge von Luxus zerbricht die Rechnung aber genau an einem kleinen aber zuckersüßen Faktor. Und dieser nennt sich „Kleinkind“

Ich bin stündlich hin und hergerissen zwischen „Sie muss in die Kita“ „Sie muss aber sicher sein“ „ich bin überfordert“ „Sie muss aber gefördert werden“ „Ich habe drei Videokonferenzen am Vormittag“ „Sie bleibt daheim“. In Gedanken dabei immer auf die Uhr schielend, dass doch bitte bald beim Gatten Feierabend ist, und er zügig nach Hause kommt. Oh, ist erst 9:30Uhr…tja, Pech auch!

Wer denkt Homeoffice und Kindererziehung eines Kleinkindes packt man mal eben mit links unter einen Hut, der irrt.

Ich kann ihr nicht vermitteln, dass sie sich jetzt mal 3 Stunden selbst beschäftigen muss. Ich kann ihr nicht sagen „So Mama arbeitet jetzt mal, bis heute Mittag machst du was Sinnvolles, ja? Hier haste Buntstifte und Papier. Bis später!“

Nein, das geht nicht. Sie hat ihre ureigenen Bedürfnisse die ich tagsüber als Mutter erfüllen muss, während ich auch noch arbeiten muss. Homeoffice ist für Kinder ein völlig abstraktes Konzept. Vorher war „arbeiten gehen“ das „Haus verlassen, wiederkommen“. Wenn man dann zu Hause war, hatte man ausschließlich Zeit für den Nachwuchs. Dass ist aber so nicht möglich, wenn man von zu Hause arbeitet.  Das ich die Möglichkeit habe ist großartig, Wahnsinn und ich bin meinem Chef unendlich dankbar, dass er mich trotz der widrigen Umstände eingestellt hat, mir die Chance gegeben hat. Allein dafür müsste ich Ihm jeden Tag zehn Kuchen backen, einen Porsche kaufen und die Malediven erwerben. Meine Kollegen, sind ebenfalls toll. Sie sind geduldig, lassen die Kurze winken und reden. Das rechne ich Ihnen hoch an, da es nicht selbstverständlich ist. Auch Ihnen gebührt ganz viel Dank an dieser Stelle.

Sie ist aber nun mal in einer Phase wo sie gefördert und gefordert werden muss. Das ist das was jeden Tag die Pädagogen in der Kita machen und auch nichts ist was man mal eben so mit links macht. Da stehen Konzepte hinter die uns als Eltern nun mal nicht mit Entbindung als Handbuch mitgegeben werden und eine Lösung in jeder Situation bieten.

Sie wird jetzt fünf. Sie kommt von sich aus an und möchte lesen, schreiben und rechnen können. Ist toll, und das freut einen als Mutter auch, aber das ist nichts was mal eben zwischen Tür und Angel gemacht werden sollte oder eben zwischen zwei Videokonferenzen oder am besten noch während einer. Diese Phase ist eine vulnerable. Die Chance etwas zu versauen ist groß.

So wird man niemanden gerecht.

Also steht man jeden fucking Tag im Zwiespalt mit sich, der eigenen Verantwortung, den eigenen Wünschen für das Kind, dem schlechten Gewissen gegenüber dem Nachwuchs und dem dringenden Wunsch dieses Kind vor allem schlechten dieser Welt zu schützen, sie bewusst keiner Gefahr auszusetzen, körperliche Schäden in Kauf zu nehmen, wenn ich sie eben doch zu Hause betreuen kann. Mit Abstrichen aber immerhin. Nur wie viele dürfen es sein?

Die Gedanken rasen dazu und es geht mir nicht gut damit.

Weil ich selbst keine Lösung habe, ich nicht drauf warten kann, dass einer eine Lösung für mich als Mutter findet und weil ich niemanden diese Entscheidung aufdrücken will.

An dieser Stelle sei gesagt, wenn unser Kreis eine zielführende Teststrategie für Kinder hätte, wäre ich beruhigter und würde sie vermutlich in die Kita geben.

Haben wir aber nicht. Es kommen nicht genug Tests an, man baut auf Freiwilligkeit und sorry, aber wir haben Querdenker Eltern bei uns, die schon zu Beginn der Pandemie laut losbrüllten, dass sie sich niemals testen lassen werden, weil der Staat eine Diktatur ist. Und ich soll jetzt drauf vertrauen, dass diese Eltern ihre Kinder selbstständig und freiwillig testen? Wir wissen ja schließlich alle: Was nicht getestet wird, gibt es auch nicht. Ist wie mit Fieber, wer nicht misst, hat auch kein Fieber. Ganz sicher nicht. Lassen Sie sich da nichts anderes erzählen.

Aber so werden wir Eltern allein gelassen.

Warum nicht die Kinder in der Kita testen mittels Corona Mobil oder was weiß ich? Wer die Kinder nicht testen lassen will muss sein Kind wieder mitnehmen und gucken, wie er Betreuung organisiert. Pech gehabt eben. Aber neeee man baut darauf das sich alle vernünftig verhalten. Das ist genau diese Vernunft, die uns die zweite Welle, die dritte beschert haben und auch eine vierte bescheren wird.  Sechs, setzen, lieber Kreis.  Aber so kann man dann auch sagen, es gab keine Ausbrüche in den Kitas. Eine Kontaktverfolgung ist so aber auch nicht möglich.

Und für die, die es noch nicht wissen: Momentan liegen die Eltern der Kinder auf den Intensivstationen. Die Kinder mitaufgenommen in den Kliniken oder durch Angehörige betreut oder, im schlimmsten Falle, durch das Jugendamt in einer Pflegefamilie untergebracht.

Freiwilligkeit und Vernunft und Apelle bringen uns nichts mehr.

So sitze ich also in meinem Vollzeit Homeoffice Job, werden einem Kind tagsüber nicht gerecht, nachmittags dann auch nicht, weil ich kaputt bin vom Denken, vom Telefonieren, vom Reden, von allem.

Ich kann aber auch nicht mal irgendwo hin, um Kraft zu tanken. Meine Batterien sind tiefentladen und nicht mehr nur leer. Ich brauche Urlaub. Urlaub vom Dauerfeuer, von der Pandemie, von meinem Zuhause, von all dem Irrsinn, von all dem Nicht-verstehen-wollen um mich rum, vom Kopfschütteln, von all den Tränen. Urlaub, um eine Lösung zu finden.

Vielleicht braucht mein Zuhause doch einen Urlaub, aber von mir. Aber so war das sicherlich nicht vom blau-gelben Riesen gedacht. So bleibt weitermachen wie bisher, drauf bauen, dass es bald eine Impfung für Kinder gibt, die nicht einer Kosten-Nutzen-Analyse unterliegt, auf helle Köpfe beim Kreis, die die Testpflicht einführen und das es überprüft wird, darauf das dieser Albtraum Pandemie bald vorbei ist. Für uns alle. Für jeden Einzelnen.

Vom Fehlen…

Mir fehlt der Mensch.

Der Mensch mit all seinen Facetten.

Sein Lachen, seine Trauer, seine Zuneigung, seine Liebe, seine Freude.

Schaut man in die Gesichter (sofern man sie noch erkennen kann) erkennt man Stress, Hektik, Spuren von Angst & Panik, Verzweiflung. Das bringt die Zeit einfach mit sich. Es ist das Ungewisse was uns lähmt.

Wir vergessen ein Stück Mensch zu sein, auch bei Fremden.

Wir gehen auf Distanz, schauen von weit entfernt in grimmige Gesichter, nehmen nicht mehr in den Arm, drücken keine Hände mehr, trösten nicht mehr wenn Verzweiflung den leeren Raum erfüllt. Als Intensivschwester nicht mehr die Angehörigen zu trösten in ihren schwersten Stunden, bricht mir das Herz.

Die Distanzregel ist absolut sinnvoll aber wird dürfen nicht vergessen Mensch zu bleiben, teilzunehmen an Schicksalen. Wir dürfen nicht verrohen und Emotionen abtun, nicht drauf hoffen „Es geht schon von alleine wieder. Wir müssen da alle schließlich durch“ . Oft geht es eben nicht von alleine. Daher ist es genau jetzt wichtig zuzuhören, zwischen den Zeilen zu lesen, Tonvariationen und Höhen der Stimme zu interpretieren, nachzufragen. Es ist nicht gut sich dahingehend zu isolieren. Der Mensch selbst lebt von Emotionen, egal wie diese gelagert sind, aber daran wächst er, lernt damit umzugehen, dafür braucht er Feedback, jemanden der reflektiert und diese Emotionen aushält.

Mir selbst fehlt die körperliche Nähe ganz oft und wenn ich daran denke, was gerade nicht geht zerbricht innerlich ein kleines Stück von mir.

Mir fehlen Umarmungen, das Festhalten, das „ich will dich nicht loslassen“, die Verabschiedungen und die damit verbundene Freude sich bald wiederzusehen.

Alles ungewiss.

So bleiben geschriebene Nachrichten, wenige Sprachnachrichten und das Schärfen der Sinne für eine aus den Fugen geratene Stimmung beim anderen.

Und obwohl das alles vielleicht niederschmetternd klingt freue ich mich auf den Tag wo es sich wieder ändern wird. Mein inneres Kind wird diesen Moment zelebrieren, sich schmücken, das schönste Kleid tragen und vor Freude vielleicht weinen während es ganz aufgeregt und hüpfend auf die erste Umarmung wartet.

Und dann, dann endlich wieder in Ruhe schlafen kann. Eingemummelt und angelehnt an eine imaginäre Brust und friedlich schlummernd weiß „Hier bin ich sicher, hier kann ich endlich wieder sein wie ich bin, du hast mir gefehlt“

„Du fehlst mir“, eine Aussage die man selten sagt weil sie viel verrät. Sie drückt aber aus wie wichtig ein anderer Mensch für uns ist.

Warum sagen wir das eigentlich nicht öfter? Gerade jetzt? Ist es die Angst zu viel von sich zu offenbaren, schwach zu wirken? Unerwachsen? Kindisch? Zu emotional?

Vielleicht… aber in Zeiten wo eine Umarmung nicht ausdrücken kann was man empfindet, ist eine „du fehlst mir“ die Umarmung der Seele.

Du fehlst mir….

Mensch sein

Ich habe Angst. Sehr viel sogar. Nicht um mich.

Eigentlich bin ich kein panischer Mensch und völlig rational, zum Leidwesen meiner Mitmenschen, manchmal zu rational. Das hilft mir aber meinen Job machen zu können.

Es ist nicht so, dass mich Schicksale nicht bewegen, ich nicht um Menschen trauere. Ich mache es nur auf meine Art und Weise. Alleine.

Als die ersten Nachrichten zu Covid-19 kamen, war ich nicht beunruhigt. Nach China folgte der Iran und Italien mit Horroszenarien. Medizinisches Personal arbeitet seit dem bis zum Umfallen, und das ich leider nicht metaphorisch gesprochen. Es passiert wirklich so. Sie sterben genauso wie ihre Patienten, es wird nur selten erwähnt. Erschöpfung ist das Schlüsselwort.

Die Welt folgte und stand plötzlich in Flammen. In oft prognostizierten Flammen aber der Funke wurde lang vorher ignoriert, und wird er jetzt noch. Wir alle haben die Auswirkungen unterschätzt.

Ich war bis zu einem gewissen Punkt wirklich entspannt. Ich kenne „Kriegsschauplätze“ an denen das medizinische Personal zerbricht, habe sie selbst gesehen. Ich weiß was ich kann und was nicht, dass schafft Sicherheit. Für mich, für meine Kollegen und für meine Patienten.

Aber was wenn ich mal die innere Krankenschwester ausschalte und meinen Gedanken freien Lauf lasse und an die Menschen denke die um herum existieren?

Dann ist da Panik und Angst. Dann sind da Tränen. Dann ist da Wut.

Am schwersten wiegt die Angst um geliebte Menschen, dass sie nicht unbeschadet durch diese Zeit kommen, denn, sind wir uns einig, so etwas gab es bisher nicht, und wir kennen den Ausgang nicht.

Du wägst plötzlich ab wer Probleme bekommen könnte, wer zur Risikogruppe gehören kann, wen es treffen kann. Es schnürt einem bisweilen den Hals zu und das Atmen wird schwer.

Und so mutiert ein „Pass auf dich auf“ zu etwas Neuem. Zu etwas mit viel mehr Bedeutung, zu etwas was viel tiefer blicken lässt, zu einem „ich liebe dich“, zu einem „du bist wichtig für mich“. In Zeiten wo Worte zur Belastung werden können und ungesagt bleiben müssen um nicht noch mehr Druck auf sein Gegenüber auszuüben und der Anschein erweckt wird von „bitte, du musst für mich weiter existieren“ . Dennoch ist es wichtig für jeden zu wissen, dass man eben nicht alleine ist und man Hoffnung auf ein Danach hat, egal wie dieses Danach eben aussieht. So werden wichtige Worte gegen harmlosere ausgetauscht um nicht weiter Angst zu verbreiten, nur eben mit stark veränderter Bedeutung.

Es ist eben die drohende Erschöpfung die mich sorgen lässt. Das medizinische Personal ist eine seltsame Spezies. Wird sind es gewohnt weit über die Leistungsgrenze zu gehen, unsere eigenen Bedürfnisse zu ignorieren, das Wohl des Patienten ganz in unseren Fokus zu stellen. Wir gehen eben nicht bei laufender Rea nach Hause, selbst wenn schon längst Feierabend ist. Wir fragen, bevor wir nach Hause gehen, ob wir noch helfen können und machen das dann auch. Manche gehen weiter als andere und müssen ab und an etwas gestoppt werden, weil sie sich selbst vergessen. Ich gehöre selbst dazu.

Die Krankenschwester in mir beschwichtigt, lächelt, drückt imaginäre Hände, umarmt in Gedanken und ist zuversichtlich für alle anderen.

Dabei ist mein Bestreben eigentlich diejenigen die mir wichtig sind weit fort zu bringen von diesem Irrsinn und in Sicherheit zu wissen. Um mich mache ich mir da nach wie vor keine Sorgen, das wäre auch unüblich für mich.

Gut, dass es nur Wenige gibt die nach dem anderen Teil in mir fragen.

Keine Angriffsfläche

Wie gerne würde ich euch erzählen wer ich wirklich bin, wie ich ticke, wie sehr mich manche Kommentare, Nachrichten und Bilder verletzen. Ich kann es aber nicht.

Zunehmend erkenne ich wie ich alte Muster annehme und mich immer weiter in mich selbst zurückziehe, wie ich geliebten Menschen nichts über mich verrate. Und wenn ich es dann doch tue ein schlechtes Gewissen habe, dass ich sie belästige. Immer in der Angst das ich „zuviel“ bin oder über bin.

Ich schreibe gerne. Sehr gerne sogar. Gedichte, Kurzgeschichten. Drei Romane und diverse Kindergeschichten liegen hier, sind nie veröffentlich worden, weil ich mich nicht traue, weil es mich angreifbar macht.

Warum ich mich zurückziehe? Ich postete ganz am Anfang kurze, kleine Fabeln auf Twitter die nicht zuviele Zeichen hatten. Es fühlte sich gut an. Ich liebte jedes einzelne Wort, weil es eben meine Worte waren. Dann kam aber der Tag an dem es ein Kommentar völlig zerriss. Er machte sich lustig, erhielt mehr likes für dieses Spott als der Tweet itself. Danach unterließ ich es solche Sachen zu posten. Es hatte mich massiv verletzt und ich blieb still. Wäre es jemand fremdes gewesen, hätte es mich noch nicht mal gejuckt, aber es war jemand den ich sehr schätze.

Ich widmete mich zunehmend der Pflegepolitik und kleinen lustigen Tweets aus dem Alltag einer Krankenschwester, aber über mich selbst sagte ich nichts mehr.

Oft sitze ich vor einem Tweet und verwerfe ihn wieder weil er zuviel verrät. Über mich, über diejenigen die ich liebe, über meine Empfindungen, meine Gedanken, meine zunehmende aber selbstgewählte Isolation.

Ich bin nur zu kappen 10% mein Account. Der Rest bleibt verborgen.

Ich zeige euch das was ihr sehen dürft, kreiere ein Bild für euch, spiele den Klassenclown.

Ihr erlaubt euch eine Meinung, die ich euch sicherlich zugestehe, aber es ist eben nur eine Momentaufnahme nicht das gesamte Bild, nicht die gesamte Person. Es wird aber über das Gesamtbild geurteilt. Ich lese empathielos, kalt, herzlos und währenddessen kann ich die Patienten nicht mehr zählen die ich unter meinen Händen verloren habe und im Anschluss bitterlich in einer stillen Ecke weinte. Ich zähle nicht mehr die Überstunden die ich nicht aufschrieb, die ich bei meinem Patienten blieb damit er nicht alleine sterben musste weil sich Familien zerstritten hatten. Ich zähle auch nicht mehr die Stunden die ich arbeitete, dabei kaum laufen konnte, kaum meine Arme spürte und trotzdem jedem mit einem Lächeln begegnete und ein „Ach..pfff…alles halb so wild“ sagte oder eben gänzlich schwieg.

„Selbst schuld“ mag der ein oder andere jetzt denken. Kann man, ja. Ob man es sollte ist etwas anderes.

Nicht zur Last fallen; Niemanden belästigen, keine Angriffsfläche für andere schaffen ist da immer mein Kredo gewesen.

Ich wähle ganz oft das Alleinsein. Bewusst. So muss ich nicht meine Gedanken teilen oder laufe Gefahr das ich ein schlechtes Gewissen bekomme wenn sich jemand Zeit für mich nimmt.

Jeder hat nicht nur ein Päckchen zu tragen, sondern ganz oft ganze Wagenladungen an Paketen. Das weiß ich, weil ich Menschen vorher reden lasse bevor ich auch nur ein Wort von mir erzähle. Ich wäge dann ab was ich freigeben kann und will und was der andere tragen kann. Den Beschluss nichts zu teilen liegt dann begründet in Rücksichtnahme auf die diversen Schicksale die mir begegnen. Mein Adresse, meinen Namen und meine Telefonnummer zu kennen, sagt nichts über mich aus.

Und dann, ab und an, kommt doch was persönliches. So wie gestern.

Es war nur ein Zitat von einer französischen Schriftstellerin.

Ob ich mir dabei was gedacht habe? Mag sein oder auch nicht. Die Nachrichten die mich aber genau dazu erreichten sind dann doch zu viel gewesen. Wen ich damit meinen würde, was ich damit sagen wolle, warum ich genau DAS JETZT gepostet habe. Es wurden sogar Zusammenhänge mit der Uhrzeit angestellt.

Es geht niemanden etwas an, es ist ein Bruchteil von mir. Ein Stück aus meinem Herzen und ich bin es leid für etwas ganz persönliches von mir ausgequetscht zu werden, denn am Ende interessiert es nicht wirklich wer oder was ich bin, für was ich stehe, für was ich bete, was ich mir wünsche, warum ich nachts nicht schlafen kann, warum ich Albträume habe, warum ich gerne alleine durch den Wald laufe und warum ich fest an den einen Menschen glaube der zu einem gehört, der für dich geschaffen worden ist und ich nichts anderes gelten lasse.

Meine Träume, meine Wünsche und Hoffnungen bleiben besser bei mir.