Pflexit

Irgendwas zwischen „ich bin froh da raus zu sein“ und Heimweh.

Wenn die Corona Krise eins gebracht hat, dann das viele Kollegen sich mit dem Gedanken tragen dem ganzen Spuk ein Ende zu setzen und die Pflege zu verlassen. Und ich hoffe sie tun es…in Scharen.

Aber mal von vorne.

Ich bin Krankenschwester. Das ist das was auf meiner Berufsurkunde steht. Das heißt heute nicht mehr so und ist auch nicht der korrekte Begriff für professionell Pflegende. Die, die demnächst Examen machen heißen dann Pflegefachpersonen, sofern sie die Ausbildung nach dem neuen Pflegeausbildungsgesetz gemacht haben. Die, die dem noch nicht unterliegen sind Gesundheit- und Krankenpfleger*innen.

Ich war weit davor examiniert. Um genau zu sein 2002.

Für mich war es gefühlt gestern. Mein Spiegelbild sagt was anderes. Ich bin älter geworden, meine Fältchen um die Augen sichtbar und meine Stirn hat auch ein paar Längsfalten, die ich nicht mehr ignorieren kann. Und dennoch sehe ich im Spiegel immer noch die junge Frau, die sich damals für die Krankenpflege entschied und gegen einen Bürojob. Teilweise auch noch das junge naive Mädchen. Ich war sorgloser damals.

Als ich mich bewarb für die Ausbildungstelle war es nicht selbstverständlich, dass man auch einen Platz bekam. Krankenschwester werden war was Besonderes. Eltern waren stolz darauf, dass die Kinder diesen Beruf wählten. Ja, es war ein bissl heroisch. Es folgten drei Jahre Ausbildung. Ich kann die Tränen nicht zählen die ich deswegen vergossen haben. Ich habe alles Gute und alles Schlechte in diesem Beruf in drei Jahren mitgemacht. Niederträchtige examinierte Kollegen*innen die einen als Putzlappen benutzten und herausragende Kollegen*innen, die einem was beibringen wollten und auch mal fragten, wie man sich fühlte. Gefühlt schwarz und weiß. Dazwischen gab es nichts. Ich biss mich durch, absolvierte meine Ausbildung, machte mein Examen und bekam keinen Job. Das war 2002.

Kann man sich heute kaum vorstellen, aber es gab eine Zeit wo eine Pflegekraft keine Anstellung fand, weil es zu viele von uns gab. Wenn ich das in den vergangenen Jahren ab und an mal meinen Auszubildenden gesagt habe, schauten Sie mich an als hätte ich Ihnen erzählt, dass die Klimakrise beendet ist, der nahe Osten befriedet, der Hunger der Welt gestillt worden ist.

Kurzum: Sie konnten sich das nicht vorstellen. Es gab in ihrer Vorstellung schlicht keinen Überfluss an Pflegekräften. So wie es in Nord-Korea für die Bevölkerung schlicht keinen schlechten Menschen an der Spitze ihres Landes gibt.

Ich wollte nicht arbeitslos sein, also wieder ab zur Schule und in Vollzeit mein Abi nachgemacht.

Zwei Jahre später war in der Euregio immer noch nicht viel mit Stellen. Witzigerweise unterstellte man mir an zwei Häusern keine Berufserfahrung und dass man mich deswegen nicht einstellen könne. Aaaahhh ja.

Also, was dann? Studium. Super Idee. Lehramt sollte es werden, mit der großartigen Fächerkombi Deutsch, Mathe, Englisch und Geschichte. Das Studium war toll, keine Frage, aber mein Herz hing an der Pflege. Die glückliche Fügung einer Scheidung gepaart mit meinem Stolz mich nicht von meinem Exmann aushalten lassen zu wollen führte dazu das ich wieder in die Pflege ging. Das war 2006. Vier Jahre war ich raus.

Vier Jahre, in denen ich dachte, die Welt hat eine Kehrtwende hingelegt. Vier Jahre waren eine Ewigkeit.

Seitdem war ich wieder in der Pflege. Mal in der Altenpflege, mal auf einer Normalstation, mal als PDL in der Altenpflege, mal im Funktionsbereich, auch in der Leiharbeit, aber die letzten 7, fast 8, Jahre auf einer Intensivstation. Ich liebte die Arbeit. Die Teams waren oft buntgemischt, witzig und hilfsbereit. Ich lernte unfassbar viel…über mich, über Menschen im Speziellen.

Ich fühlte mich angekommen und angenommen. Der Stress wurde allerdings größer. Wir wurden zunehmend mehr mit Erlösen, Bilanzen und Dividenden als Arbeitnehmer konfrontiert. Oft gab es Schulungen für das Pflegepersonal wo uns erklärt wurde wie wir wann welchen Zettel ausfüllen mussten, um den Ertrag des Hauses zu erhöhen. Immer abschließend mit dem Satz „Sie erhalten damit ihren eigenen Arbeitsplatz“. So wurde die Bürokratie und der damit einhergehende Zeitaufwand größer, die Zeit für meinen Patienten aber geringer. Denn trotz allem: So ein Tag hat trotzdem nur 24 Stunden und ein Arbeitstag zwischen 8-10 Std. Jetzt mag der Nörgelkopp sagen „Ja, dann arbeitet halt länger“. Dem sage ich an dieser Stelle gerne „Begleite mich einen geplanten Schichtblock von 10 Tagen auf Intensiv, dann reden wir weiter“

Um das an diesem Punkt einmal klar zu machen:

Es ist nicht das frühe Aufstehen, es ist nicht das Arbeiten an den Wochenenden, auch nicht die Nachtschichten, das war uns allen vorher klar. Es ist das Pensum, die Schlagzahl, die von uns mittlerweile abverlangt wird. Eine Unfallchirurgische Station hat gut und gerne mal 40 Patienten, die betreut man heute auch mal nur zu zweit. Wenn man Glück hat, ist ein Azubi dabei, der aber ‚dummerweise‘ auch was lernen will und das mit Recht einfordert. Es gibt da keinen Spielraum mehr für einen Pateinten der etwas aufwendiger ist, der ein Bedürfnis zum Reden hat, nachdem man ihm intraoperativ einen malignen Tumor entfernt hat. Die Zeit die ich ihm „schenke“ ist die Zeit, die bei anderen Patienten fehlt. Wer jetzt immer noch nicht folgen kann:

Angenommen Sie wohnen weiter weg, oder (wie passend) es gibt eine Pandemie und sie können nicht jeden Tag zu ihrem Vater. Dieser ist operiert worden. Diagnose Darmkrebs, weit fortgeschritten. Die Prognose eher schlecht bis ganz schlecht. Ihr Vater bekommt die Diagnose morgens in der Visite mitgeteilt bzw., dass man Proben in die Pathologie geschickt hat und das Ergebnis noch aussteht, der Schnellschnitt im OP aber schon auf einen schlechten Verlauf hindeutet. Der Arzt schaut mitfühlend, ist gedanklich schon bei einem anderen Patienten. Drückt die Hand, sagt wenn er Fragen hat soll er sich melden. Der Arzt geht ab.

Zurück bleibt ihr Vater mit tausend berechtigten Fragen…was ist ein Schnellschnitt? Was bedeutet schlecht? Wie lange habe ich noch? Was ist mit meinen Enkeln? Meiner Frau? Werde ich ein Pflegefall?

Würden Sie sich nicht wünschen, wenn dann eine Pflegekraft an seiner Seite ist, und die Fragen beantworten kann, die sie beantworten kann? Die den tiefen Fall auffangen kann? Die ihn nicht allein lässt?

Ja?

Ich würde mir das auch wünschen. Aber das ist Romantik, die nicht bedient werden kann, weil wir schlichtweg keine Zeit dafür haben. Uns gehen diese Schicksale auch nahe, aber die Profitgier einzelner Gesellschafter sehen nicht ihren Vater, sondern eine Abrechnungsrelevante Leistung die Geld in die Kasse spült. In der Hoffnung das die restliche Behandlung auch in dem Haus durchgeführt wird, um weitere Erlöse zu generieren.

So, und das war jetzt die Normalstation.

Kommen wir zu meiner eigenen Herzensangelegenheit. Ich liebe die Intensivmedizin, das interdisziplinäre Arbeiten, den eigenen Kosmos, den diese Station bietet. Ja, da arbeiten dort ist anders, ganz anders. Man versteht sich durchweg als Team. Es gibt wenig bis keine Standesdünkel, und der, der es probiert, wird fix in seine Schranken gewiesen… auch die Chefärzte. Mein alter Chefarzt hat mal gesagt:

„Kathrin, man geht durch diese Tür da vorne und ist ein anderer Mensch“

Ist man. Meistens sind alle per Du, auch der Chefarzt. Ärzte helfen der Pflege, die Pflege hilft dem Arzt. Man sitzt in einem löchrigen Boot auf hoher See mit starkem Seegang und schöpft gemeinsam mit seinen Händen das eindringende Wasser wieder raus. Manchmal ist das Loch zu groß, der Wellengang zu groß und man geht unter. Doch meistens findet man in einem Kasten auf diesem Boot noch etwas zum Flicken und man übersteht gemeinsam diesen Sturm.

Ich habe die Intensivmedizin und die Station als Familie empfunden. Freude und Leid liegen dort so nah beieinander.

Aber auch dort herrscht extremer Kostendruck. Das merkt man spätestens dann wenn teure Beatmungsfilter gegen billige getauscht werden, man an uralt Beatmungsgeräten festhält, man lieber weiterhin auf Papier dokumentiert, anstatt Geld in eine digitale Lösung zu investieren, wenn die Leitung sagt, sie habe mitgeteilt bekommen man soll weniger verschwenderisch mit Handschuhen umgehen, wenn das gute Sterillium gegen eine NoName Brand ausgetauscht wird, wenn Hilfsmaterial nicht gekauft wird, wenn es stundelange Diskussionen um die optimale Sondennahrung des Patienten geht und der Apotheker das nicht bestellten darf wegen „denen da oben“.

Als Corona kam, war den meisten von uns klar, dass uns das Dingen um die Ohren fliegt, und zwar mit Ansage. Also begann der Kampf ums sichtbar werden, darum um zu zeigen was mit uns passiert. Dass wir wochenlang ohne ordnungsgemäße PSA arbeiten mussten, FFP2 Masken über mehrere Tagen tragen mussten, während Herr Heil beschloss das wir 12 Std arbeiten „durften“. Allein das Wort „dürfen“ ist ein schlag ins Gesicht. Wir wurden nicht gefragt was wir leisten können, es wurde einfach beschlossen.

Das ist etwas was die Regierung im letzten Jahr wunderbar hinbekommen hat: Beschlüsse treffen aber niemanden aus der Pflege fragen. Man hört lieber Wirtschaftlern zu, während die gesamte Belegschaft der Intensivmedizin schreit „wir können nicht mehr – wir sind am Limit“

Es wurde beschwichtigt, es wurde geklatscht und es passierte nichts…weniger als nichts. Wir wurde nicht vergessen, da hätte ich noch mit leben können, wir wurden BEWUSST ignoriert. Es war allen scheißegal was mit uns ist. Wir waren und sind Kanonenfutter für eine defizitäre Führung in einem Land was zu den wohlhabendsten der Welt gehört. Wir hangelten uns von einer Welle in die Nächste, wir mahnten, machten das Unsichtbare öffentlich, gaben Interviews, baten um Hilfe.

Und was geschah? Exakt nichts! Von ausgehebelten PPUGen rede ich schon gar nicht mehr.

Hat Ihnen schon mal jemand gesagt „Du bist der letzte Dreck und es ist mir egal ob du verreckst!“? Nein? So fühlt sich das aber an was mit dem Personal in den Kliniken passiert. Wenn du als Pflegekraft irgendwann verstehst, dass du nicht zählst, dein Leben, deine Gesundheit nichts wert ist und du doch bitte schön dein Wohl dem Volke zu opfern hast, damit tausende Deppen weiter Ihre „Grundrechte“ einfordern können und das ganze während du den 40 jährigen Familienvater intubierst, alles für die ECMO vorbereitest und weißt dass du vielleicht der letzte Mensch gewesen bist, den er gesehen hat, dann ist das Maß einfach voll. Zu voll!

Ich konnte nicht mehr. Schlafen ging nicht mehr. Ich habe Fehler gemacht. Ich war unfair, ich habe meinem Umfeld oft unrecht getan. Und das alles wofür? Für ein höheres Gesamtziel?

Haben Sie eine Ahnung davon, wie es ist nicht zu wissen, ob du vielleicht heute einen Fehler machst der vielleicht einen Menschen sein Leben kostet? Wie es ist Menschen am Fließband sterben zu sehen und im Nacken sitzt dir Geschäftsführung, die ihre schwarzen Zahlen einfordert und zu Akkordarbeit antreibt? Die dir den Bonus streicht, weil zu teuer? Die aber von dir Verständnis haben will? Wertschätzung ist keine Einbahnstraße. Sie wird aber von uns gefordert und wird es noch.

Als ich öffentlich in einem Interview anprangerte das ungelerntes Hilfspersonal auf Intensivstationen eingesetzt wurde, wurde es meinem Arbeitgeber zu bunt. Ich sagte weder, dass das auf meiner ITS so ist, noch nannte ich meine Klinik. Nichts dergleichen. Das Gespräch führte dann dazu das ich mich in einem tiefen Loch wiederfand und gekündigt habe. Ich wollte nicht egal sein, ich wollte was ändern, ich wollte das Richtige. Nicht nur für mich, sondern für eine ganz Branche, die am Krückstock geht, für eine Berufsgruppe auf deren Schultern eine globale Pandemie ausgetragen wird.

Wir dürfen arbeiten und sterben, aber bitte keine Forderungen stellen oder, Gott bewahre, etwas kritisieren.

Das ist auch der Grund, warum wir das in den allermeisten Fällen nur anonym machen. Einmal Whistleblower mit einem Namen in der Presse und du kannst es dir in die Haare schmieren einen Job zu finden. Da interessiert dann auch keinen mehr der eigene Pflegenotstand im Haus.

Egal..ich schweife ab.

Ich traf die Entscheidung ganz bewusst nicht mehr in der Pflege zu arbeiten, kündigte sogar ins Blaue hinein, ohne eine Zusage für irgendwas zu haben. Letztlich wurde ich für dieses Risiko belohnt und arbeite nun in einem Job, der noch medizinnah ist, aber eben von zu Hause aus dem Homeoffice. Ich kann bei meiner Tochter sein, kann sie abends ins Bett bringen, bei ihr sein, wenn sie wieder Albträume hat.

Meine Albträume hingegen werden wohl bleiben.

Dein Zuhause braucht Urlaub

Dein zu Hause braucht Urlaub

So lautete der Titel eines Newsletters eines schwedischen Möbelhauses der mich heute erreichte. Sicherlich witzig und sollte darauf hinweisen, dass man doch mal frischen Wind in die eigenen vier Wände lässt und einen neue Wohlfühloase für sich und seine Liebsten schafft. Eine Umgebung, in der man gerne lebt, isst, liebt und lacht.

Ich gebe zu, ich habe den Newsletter erst nicht aufmachen wollen. Mich triggerte dieser Spruch ungemein.

Alles was ich dachte, nach über einem Jahr Pandemie, war

„Herr Gott, ICH brauche Urlaub, nicht mein zu Hause“

Die, die mich ab und an mal lesen, kennen meine Geschichte.

Für alle die, die sie nicht kennen:

Ich bin Krankenschwester, arbeitete die letzten Jahre auf Intensivstationen. Das letzte Jahr auch auf COVID ITS. Mit und an COVID Patienten, bis ich Anfang dieses Jahres den Beruf verlies, meinen Pflexit beging und nun in einem medizinnahen Umfeld arbeite, aber von zu Hause aus.

Seit Dezember ist meine kleine Tochter nicht mehr im Kindergarten gewesen. Das war eine bewusste Entscheidung. Mich erschreckten Berichte über Long-Covid bei Kindern, und sie tun es immer noch.

Als ich meinen Beruf verlies befanden wir uns noch in der zweiten Welle, zwar am Ende, aber es war noch die zweite Welle.

Heute ist die dritte Welle auf ihrem Höhepunkt. Und das Wort „Welle“ hat etwas Taktisches, etwas Ungutes angenommen. Es erinnert mich nicht mehr an die schöne Zeit am Strand, wo man aufs Meer hinausblickt, sondern an Krieg, an Angriffe, an Tod und Verderben. Und genau das ist es auch.

Ich lese Berichte, schaue mir Zahlen an, rede mit alten Kollegen, interagiere mit meiner Bubble und sehe meine Gefühle bestätigt. Es ist ein Kriegsschauplatz geworden und wird es auch bleiben. Aktuell sehen wir Bilder aus Indien und der neuen Virusvariante. Auch Kinder sind massiv davon betroffen.

„Ist doch weit weg“ lese ich ab und an.

Ich schüttele dann nur mit Kopf und habe aufgehört zu argumentieren, weil ich müde bin, weil ich weiß, dass ich diese Menschen eh nicht mehr erreichen werde in diesem Leben. Ich wünsche Ihnen dann alles Gute und das sie gesund bleiben. Zu mehr bin ich nicht mehr im Stande.

Ich habe zu viel Leid und Tod gesehen in den letzten Monaten.

Jetzt wo ich im Homeoffice sitze, darf ich mir gerne und oft anhören, dass ich ja in einer Luxussituation bin

„Du sitzt da schön warm und safe zu Hause mit deinem Kind“

Warm und safe mag stimmen, aber Luxus ist das nicht. Ich kann zwar entscheiden, wann ich aufstehe, ob ich in Jogginghose meinen Job mache, kann entscheiden, wie mein Kaffee heute sein soll, wann ich Pause mach (dass ich überhaupt eine machen kann und DARF ist echt toll), ich kann auf der Terrasse arbeiten bei schönem Wetter.

Wer diese „Eckdaten“ sieht, hat recht. Es ist eine Luxussituation.

In diesem ganzen Gefüge von Luxus zerbricht die Rechnung aber genau an einem kleinen aber zuckersüßen Faktor. Und dieser nennt sich „Kleinkind“

Ich bin stündlich hin und hergerissen zwischen „Sie muss in die Kita“ „Sie muss aber sicher sein“ „ich bin überfordert“ „Sie muss aber gefördert werden“ „Ich habe drei Videokonferenzen am Vormittag“ „Sie bleibt daheim“. In Gedanken dabei immer auf die Uhr schielend, dass doch bitte bald beim Gatten Feierabend ist, und er zügig nach Hause kommt. Oh, ist erst 9:30Uhr…tja, Pech auch!

Wer denkt Homeoffice und Kindererziehung eines Kleinkindes packt man mal eben mit links unter einen Hut, der irrt.

Ich kann ihr nicht vermitteln, dass sie sich jetzt mal 3 Stunden selbst beschäftigen muss. Ich kann ihr nicht sagen „So Mama arbeitet jetzt mal, bis heute Mittag machst du was Sinnvolles, ja? Hier haste Buntstifte und Papier. Bis später!“

Nein, das geht nicht. Sie hat ihre ureigenen Bedürfnisse die ich tagsüber als Mutter erfüllen muss, während ich auch noch arbeiten muss. Homeoffice ist für Kinder ein völlig abstraktes Konzept. Vorher war „arbeiten gehen“ das „Haus verlassen, wiederkommen“. Wenn man dann zu Hause war, hatte man ausschließlich Zeit für den Nachwuchs. Dass ist aber so nicht möglich, wenn man von zu Hause arbeitet.  Das ich die Möglichkeit habe ist großartig, Wahnsinn und ich bin meinem Chef unendlich dankbar, dass er mich trotz der widrigen Umstände eingestellt hat, mir die Chance gegeben hat. Allein dafür müsste ich Ihm jeden Tag zehn Kuchen backen, einen Porsche kaufen und die Malediven erwerben. Meine Kollegen, sind ebenfalls toll. Sie sind geduldig, lassen die Kurze winken und reden. Das rechne ich Ihnen hoch an, da es nicht selbstverständlich ist. Auch Ihnen gebührt ganz viel Dank an dieser Stelle.

Sie ist aber nun mal in einer Phase wo sie gefördert und gefordert werden muss. Das ist das was jeden Tag die Pädagogen in der Kita machen und auch nichts ist was man mal eben so mit links macht. Da stehen Konzepte hinter die uns als Eltern nun mal nicht mit Entbindung als Handbuch mitgegeben werden und eine Lösung in jeder Situation bieten.

Sie wird jetzt fünf. Sie kommt von sich aus an und möchte lesen, schreiben und rechnen können. Ist toll, und das freut einen als Mutter auch, aber das ist nichts was mal eben zwischen Tür und Angel gemacht werden sollte oder eben zwischen zwei Videokonferenzen oder am besten noch während einer. Diese Phase ist eine vulnerable. Die Chance etwas zu versauen ist groß.

So wird man niemanden gerecht.

Also steht man jeden fucking Tag im Zwiespalt mit sich, der eigenen Verantwortung, den eigenen Wünschen für das Kind, dem schlechten Gewissen gegenüber dem Nachwuchs und dem dringenden Wunsch dieses Kind vor allem schlechten dieser Welt zu schützen, sie bewusst keiner Gefahr auszusetzen, körperliche Schäden in Kauf zu nehmen, wenn ich sie eben doch zu Hause betreuen kann. Mit Abstrichen aber immerhin. Nur wie viele dürfen es sein?

Die Gedanken rasen dazu und es geht mir nicht gut damit.

Weil ich selbst keine Lösung habe, ich nicht drauf warten kann, dass einer eine Lösung für mich als Mutter findet und weil ich niemanden diese Entscheidung aufdrücken will.

An dieser Stelle sei gesagt, wenn unser Kreis eine zielführende Teststrategie für Kinder hätte, wäre ich beruhigter und würde sie vermutlich in die Kita geben.

Haben wir aber nicht. Es kommen nicht genug Tests an, man baut auf Freiwilligkeit und sorry, aber wir haben Querdenker Eltern bei uns, die schon zu Beginn der Pandemie laut losbrüllten, dass sie sich niemals testen lassen werden, weil der Staat eine Diktatur ist. Und ich soll jetzt drauf vertrauen, dass diese Eltern ihre Kinder selbstständig und freiwillig testen? Wir wissen ja schließlich alle: Was nicht getestet wird, gibt es auch nicht. Ist wie mit Fieber, wer nicht misst, hat auch kein Fieber. Ganz sicher nicht. Lassen Sie sich da nichts anderes erzählen.

Aber so werden wir Eltern allein gelassen.

Warum nicht die Kinder in der Kita testen mittels Corona Mobil oder was weiß ich? Wer die Kinder nicht testen lassen will muss sein Kind wieder mitnehmen und gucken, wie er Betreuung organisiert. Pech gehabt eben. Aber neeee man baut darauf das sich alle vernünftig verhalten. Das ist genau diese Vernunft, die uns die zweite Welle, die dritte beschert haben und auch eine vierte bescheren wird.  Sechs, setzen, lieber Kreis.  Aber so kann man dann auch sagen, es gab keine Ausbrüche in den Kitas. Eine Kontaktverfolgung ist so aber auch nicht möglich.

Und für die, die es noch nicht wissen: Momentan liegen die Eltern der Kinder auf den Intensivstationen. Die Kinder mitaufgenommen in den Kliniken oder durch Angehörige betreut oder, im schlimmsten Falle, durch das Jugendamt in einer Pflegefamilie untergebracht.

Freiwilligkeit und Vernunft und Apelle bringen uns nichts mehr.

So sitze ich also in meinem Vollzeit Homeoffice Job, werden einem Kind tagsüber nicht gerecht, nachmittags dann auch nicht, weil ich kaputt bin vom Denken, vom Telefonieren, vom Reden, von allem.

Ich kann aber auch nicht mal irgendwo hin, um Kraft zu tanken. Meine Batterien sind tiefentladen und nicht mehr nur leer. Ich brauche Urlaub. Urlaub vom Dauerfeuer, von der Pandemie, von meinem Zuhause, von all dem Irrsinn, von all dem Nicht-verstehen-wollen um mich rum, vom Kopfschütteln, von all den Tränen. Urlaub, um eine Lösung zu finden.

Vielleicht braucht mein Zuhause doch einen Urlaub, aber von mir. Aber so war das sicherlich nicht vom blau-gelben Riesen gedacht. So bleibt weitermachen wie bisher, drauf bauen, dass es bald eine Impfung für Kinder gibt, die nicht einer Kosten-Nutzen-Analyse unterliegt, auf helle Köpfe beim Kreis, die die Testpflicht einführen und das es überprüft wird, darauf das dieser Albtraum Pandemie bald vorbei ist. Für uns alle. Für jeden Einzelnen.

Vom Fehlen…

Mir fehlt der Mensch.

Der Mensch mit all seinen Facetten.

Sein Lachen, seine Trauer, seine Zuneigung, seine Liebe, seine Freude.

Schaut man in die Gesichter (sofern man sie noch erkennen kann) erkennt man Stress, Hektik, Spuren von Angst & Panik, Verzweiflung. Das bringt die Zeit einfach mit sich. Es ist das Ungewisse was uns lähmt.

Wir vergessen ein Stück Mensch zu sein, auch bei Fremden.

Wir gehen auf Distanz, schauen von weit entfernt in grimmige Gesichter, nehmen nicht mehr in den Arm, drücken keine Hände mehr, trösten nicht mehr wenn Verzweiflung den leeren Raum erfüllt. Als Intensivschwester nicht mehr die Angehörigen zu trösten in ihren schwersten Stunden, bricht mir das Herz.

Die Distanzregel ist absolut sinnvoll aber wird dürfen nicht vergessen Mensch zu bleiben, teilzunehmen an Schicksalen. Wir dürfen nicht verrohen und Emotionen abtun, nicht drauf hoffen „Es geht schon von alleine wieder. Wir müssen da alle schließlich durch“ . Oft geht es eben nicht von alleine. Daher ist es genau jetzt wichtig zuzuhören, zwischen den Zeilen zu lesen, Tonvariationen und Höhen der Stimme zu interpretieren, nachzufragen. Es ist nicht gut sich dahingehend zu isolieren. Der Mensch selbst lebt von Emotionen, egal wie diese gelagert sind, aber daran wächst er, lernt damit umzugehen, dafür braucht er Feedback, jemanden der reflektiert und diese Emotionen aushält.

Mir selbst fehlt die körperliche Nähe ganz oft und wenn ich daran denke, was gerade nicht geht zerbricht innerlich ein kleines Stück von mir.

Mir fehlen Umarmungen, das Festhalten, das „ich will dich nicht loslassen“, die Verabschiedungen und die damit verbundene Freude sich bald wiederzusehen.

Alles ungewiss.

So bleiben geschriebene Nachrichten, wenige Sprachnachrichten und das Schärfen der Sinne für eine aus den Fugen geratene Stimmung beim anderen.

Und obwohl das alles vielleicht niederschmetternd klingt freue ich mich auf den Tag wo es sich wieder ändern wird. Mein inneres Kind wird diesen Moment zelebrieren, sich schmücken, das schönste Kleid tragen und vor Freude vielleicht weinen während es ganz aufgeregt und hüpfend auf die erste Umarmung wartet.

Und dann, dann endlich wieder in Ruhe schlafen kann. Eingemummelt und angelehnt an eine imaginäre Brust und friedlich schlummernd weiß „Hier bin ich sicher, hier kann ich endlich wieder sein wie ich bin, du hast mir gefehlt“

„Du fehlst mir“, eine Aussage die man selten sagt weil sie viel verrät. Sie drückt aber aus wie wichtig ein anderer Mensch für uns ist.

Warum sagen wir das eigentlich nicht öfter? Gerade jetzt? Ist es die Angst zu viel von sich zu offenbaren, schwach zu wirken? Unerwachsen? Kindisch? Zu emotional?

Vielleicht… aber in Zeiten wo eine Umarmung nicht ausdrücken kann was man empfindet, ist eine „du fehlst mir“ die Umarmung der Seele.

Du fehlst mir….

Mensch sein

Ich habe Angst. Sehr viel sogar. Nicht um mich.

Eigentlich bin ich kein panischer Mensch und völlig rational, zum Leidwesen meiner Mitmenschen, manchmal zu rational. Das hilft mir aber meinen Job machen zu können.

Es ist nicht so, dass mich Schicksale nicht bewegen, ich nicht um Menschen trauere. Ich mache es nur auf meine Art und Weise. Alleine.

Als die ersten Nachrichten zu Covid-19 kamen, war ich nicht beunruhigt. Nach China folgte der Iran und Italien mit Horroszenarien. Medizinisches Personal arbeitet seit dem bis zum Umfallen, und das ich leider nicht metaphorisch gesprochen. Es passiert wirklich so. Sie sterben genauso wie ihre Patienten, es wird nur selten erwähnt. Erschöpfung ist das Schlüsselwort.

Die Welt folgte und stand plötzlich in Flammen. In oft prognostizierten Flammen aber der Funke wurde lang vorher ignoriert, und wird er jetzt noch. Wir alle haben die Auswirkungen unterschätzt.

Ich war bis zu einem gewissen Punkt wirklich entspannt. Ich kenne „Kriegsschauplätze“ an denen das medizinische Personal zerbricht, habe sie selbst gesehen. Ich weiß was ich kann und was nicht, dass schafft Sicherheit. Für mich, für meine Kollegen und für meine Patienten.

Aber was wenn ich mal die innere Krankenschwester ausschalte und meinen Gedanken freien Lauf lasse und an die Menschen denke die um herum existieren?

Dann ist da Panik und Angst. Dann sind da Tränen. Dann ist da Wut.

Am schwersten wiegt die Angst um geliebte Menschen, dass sie nicht unbeschadet durch diese Zeit kommen, denn, sind wir uns einig, so etwas gab es bisher nicht, und wir kennen den Ausgang nicht.

Du wägst plötzlich ab wer Probleme bekommen könnte, wer zur Risikogruppe gehören kann, wen es treffen kann. Es schnürt einem bisweilen den Hals zu und das Atmen wird schwer.

Und so mutiert ein „Pass auf dich auf“ zu etwas Neuem. Zu etwas mit viel mehr Bedeutung, zu etwas was viel tiefer blicken lässt, zu einem „ich liebe dich“, zu einem „du bist wichtig für mich“. In Zeiten wo Worte zur Belastung werden können und ungesagt bleiben müssen um nicht noch mehr Druck auf sein Gegenüber auszuüben und der Anschein erweckt wird von „bitte, du musst für mich weiter existieren“ . Dennoch ist es wichtig für jeden zu wissen, dass man eben nicht alleine ist und man Hoffnung auf ein Danach hat, egal wie dieses Danach eben aussieht. So werden wichtige Worte gegen harmlosere ausgetauscht um nicht weiter Angst zu verbreiten, nur eben mit stark veränderter Bedeutung.

Es ist eben die drohende Erschöpfung die mich sorgen lässt. Das medizinische Personal ist eine seltsame Spezies. Wird sind es gewohnt weit über die Leistungsgrenze zu gehen, unsere eigenen Bedürfnisse zu ignorieren, das Wohl des Patienten ganz in unseren Fokus zu stellen. Wir gehen eben nicht bei laufender Rea nach Hause, selbst wenn schon längst Feierabend ist. Wir fragen, bevor wir nach Hause gehen, ob wir noch helfen können und machen das dann auch. Manche gehen weiter als andere und müssen ab und an etwas gestoppt werden, weil sie sich selbst vergessen. Ich gehöre selbst dazu.

Die Krankenschwester in mir beschwichtigt, lächelt, drückt imaginäre Hände, umarmt in Gedanken und ist zuversichtlich für alle anderen.

Dabei ist mein Bestreben eigentlich diejenigen die mir wichtig sind weit fort zu bringen von diesem Irrsinn und in Sicherheit zu wissen. Um mich mache ich mir da nach wie vor keine Sorgen, das wäre auch unüblich für mich.

Gut, dass es nur Wenige gibt die nach dem anderen Teil in mir fragen.

Keine Angriffsfläche

Wie gerne würde ich euch erzählen wer ich wirklich bin, wie ich ticke, wie sehr mich manche Kommentare, Nachrichten und Bilder verletzen. Ich kann es aber nicht.

Zunehmend erkenne ich wie ich alte Muster annehme und mich immer weiter in mich selbst zurückziehe, wie ich geliebten Menschen nichts über mich verrate. Und wenn ich es dann doch tue ein schlechtes Gewissen habe, dass ich sie belästige. Immer in der Angst das ich „zuviel“ bin oder über bin.

Ich schreibe gerne. Sehr gerne sogar. Gedichte, Kurzgeschichten. Drei Romane und diverse Kindergeschichten liegen hier, sind nie veröffentlich worden, weil ich mich nicht traue, weil es mich angreifbar macht.

Warum ich mich zurückziehe? Ich postete ganz am Anfang kurze, kleine Fabeln auf Twitter die nicht zuviele Zeichen hatten. Es fühlte sich gut an. Ich liebte jedes einzelne Wort, weil es eben meine Worte waren. Dann kam aber der Tag an dem es ein Kommentar völlig zerriss. Er machte sich lustig, erhielt mehr likes für dieses Spott als der Tweet itself. Danach unterließ ich es solche Sachen zu posten. Es hatte mich massiv verletzt und ich blieb still. Wäre es jemand fremdes gewesen, hätte es mich noch nicht mal gejuckt, aber es war jemand den ich sehr schätze.

Ich widmete mich zunehmend der Pflegepolitik und kleinen lustigen Tweets aus dem Alltag einer Krankenschwester, aber über mich selbst sagte ich nichts mehr.

Oft sitze ich vor einem Tweet und verwerfe ihn wieder weil er zuviel verrät. Über mich, über diejenigen die ich liebe, über meine Empfindungen, meine Gedanken, meine zunehmende aber selbstgewählte Isolation.

Ich bin nur zu kappen 10% mein Account. Der Rest bleibt verborgen.

Ich zeige euch das was ihr sehen dürft, kreiere ein Bild für euch, spiele den Klassenclown.

Ihr erlaubt euch eine Meinung, die ich euch sicherlich zugestehe, aber es ist eben nur eine Momentaufnahme nicht das gesamte Bild, nicht die gesamte Person. Es wird aber über das Gesamtbild geurteilt. Ich lese empathielos, kalt, herzlos und währenddessen kann ich die Patienten nicht mehr zählen die ich unter meinen Händen verloren habe und im Anschluss bitterlich in einer stillen Ecke weinte. Ich zähle nicht mehr die Überstunden die ich nicht aufschrieb, die ich bei meinem Patienten blieb damit er nicht alleine sterben musste weil sich Familien zerstritten hatten. Ich zähle auch nicht mehr die Stunden die ich arbeitete, dabei kaum laufen konnte, kaum meine Arme spürte und trotzdem jedem mit einem Lächeln begegnete und ein „Ach..pfff…alles halb so wild“ sagte oder eben gänzlich schwieg.

„Selbst schuld“ mag der ein oder andere jetzt denken. Kann man, ja. Ob man es sollte ist etwas anderes.

Nicht zur Last fallen; Niemanden belästigen, keine Angriffsfläche für andere schaffen ist da immer mein Kredo gewesen.

Ich wähle ganz oft das Alleinsein. Bewusst. So muss ich nicht meine Gedanken teilen oder laufe Gefahr das ich ein schlechtes Gewissen bekomme wenn sich jemand Zeit für mich nimmt.

Jeder hat nicht nur ein Päckchen zu tragen, sondern ganz oft ganze Wagenladungen an Paketen. Das weiß ich, weil ich Menschen vorher reden lasse bevor ich auch nur ein Wort von mir erzähle. Ich wäge dann ab was ich freigeben kann und will und was der andere tragen kann. Den Beschluss nichts zu teilen liegt dann begründet in Rücksichtnahme auf die diversen Schicksale die mir begegnen. Mein Adresse, meinen Namen und meine Telefonnummer zu kennen, sagt nichts über mich aus.

Und dann, ab und an, kommt doch was persönliches. So wie gestern.

Es war nur ein Zitat von einer französischen Schriftstellerin.

Ob ich mir dabei was gedacht habe? Mag sein oder auch nicht. Die Nachrichten die mich aber genau dazu erreichten sind dann doch zu viel gewesen. Wen ich damit meinen würde, was ich damit sagen wolle, warum ich genau DAS JETZT gepostet habe. Es wurden sogar Zusammenhänge mit der Uhrzeit angestellt.

Es geht niemanden etwas an, es ist ein Bruchteil von mir. Ein Stück aus meinem Herzen und ich bin es leid für etwas ganz persönliches von mir ausgequetscht zu werden, denn am Ende interessiert es nicht wirklich wer oder was ich bin, für was ich stehe, für was ich bete, was ich mir wünsche, warum ich nachts nicht schlafen kann, warum ich Albträume habe, warum ich gerne alleine durch den Wald laufe und warum ich fest an den einen Menschen glaube der zu einem gehört, der für dich geschaffen worden ist und ich nichts anderes gelten lasse.

Meine Träume, meine Wünsche und Hoffnungen bleiben besser bei mir.

Menschenleben

Ich lese, ich überlege, ich recherchiere, ich formuliere, ich lösche, ich schreibe neu, ich überlege erneut und bin am Ende immer betroffen.

Ich beantworte geduldig nahezu jede Anfrage an mich. Zur Pflegepolitik, zur Ausbildungsreform, zu persönlichen Erfahrungen und auch versuche ich immer eine Antwort zu finden, wenn es ums allgemeine „Auskotzen“ geht.

Es wird immer mehr aber ich bin nicht genervt. Erschöpft ja, manchmal.

Ich realisiere zunehmend, dass ich Menschenleben auf irgendeine Art und Weise berühre, vielleicht nur am Rande, sekundenweise, für einen einzigen Moment, aber ich nehme Einfluss.

Ich bin Krankenschwester, Pflegefachperson wie es jetzt neuerdings so schön heißt, ich habe tausende Menschen durch meine Hände wandern sehen. Tausenden die Hände geschüttelt, habe warme Worte übrig gehabt, habe viele ermahnt, ihnen Ratschläge gegeben, sie bewertet, sie auch ab und an mal angemault. Das passiert, ich bin schließlich auch nur ein Mensch.

Und ganz oft frage ich mich welchen Benefit oder Impact ich für den Einzelnen hatte, ob sein Leben schlechter oder besser durch mich wurde, ob ich zu einem Wendepunkt beigetragen habe oder ob meine Mühen einfach nur Schall und Rauch waren.

Ich erinnere mich an eine Begegnung vor knapp zwei Wochen als ich an einer Raststätte an der Autobahn anhielt und getankt habe.

Es war Samstag, es regnete und es war relativ früh. Hinter der Kasse stand eine Frau, irgendwas um die 50 würde ich schätzen. Sie war gestresst und traurig, warum war nicht klar. Ich schaute auf Ihr Namensschild wo ich den Namen Maria las. Was sie nicht weiß, ich werde diesen Namen nicht mehr vergessen. Sie schaute mich kurz an, versuchte zu lächeln, aber ihre Augen verrieten etwas anderes. Sie wollte nicht dort sein in dem Moment, nicht an diesem Ort und auch nicht mit mir. Ich nahm ihr das nicht übel.

Da ich die einzige Kundin zu dem Zeitpunkt war, brauche sie nicht fragen welche Zapfsäule meine war und sagte mir direkt den Betrag den ich zahlen sollte.

Ich lächelte sie an und gab ihr das Bargeld. Sie war derart irritiert ob meines Lächelns, dass ich diesen Gesichtsausdruck nicht mehr vergessen werden.

Ich gab ihr das Geld und schob mit meinem Lächeln ein „Bitte“ hinterher. Weiterhin sah sie mich einfach nur an, als hätte seit Jahren niemand mehr ein freundliches Wort für sie über gehabt, geschweige denn ein Lächeln.

Sie nahm das Geld stumm an und gab das Wechselgeld heraus.

„Vielen lieben Dank“ antwortete ich, drückte ihre Hand und wünschte ihr zusätzlich einen stressfreien Tag sowie einen schönen Sonntag.

Maria brachte innerhalb von einer Sekunde das breiteste Lächeln in ihr Gesicht was ich je gesehen habe und ich konnte sehen, dass ich für einen winzigen Bruchteil ihr Leben in dem Moment verbessert hatte. Ob es nachhaltig ist, vermag ich nicht zu sagen, aber der Moment war wichtig. Für sie, für mich.

Manchmal sind es die kleinen Dinge die etwas verändern und etwas Schönes hervorbringen. Vielleicht hatte Maria danach einen besseren Tag, vielleicht war sie danach weniger traurig, weniger gestresst, vielleicht waren die Arbeitsstunden danach etwas erträglicher. Ich weiss es nicht, aber ich habe ein Menschenleben berührt in diesem Moment und es nachhaltig nicht geschädigt. Das ist nicht selbstverständlich in der heutigen Zeit.

Die Menschen, generell, neigen dazu sich eher zu verletzen und geringschätzig zu behandeln als Ihnen das Gefühl der Akzeptanz und des Respekts zu vermitteln. So als würde jedes Quäntchen Unglück das wird verursachen, uns unserem Glück ein Stück näher bringen.

Ich möchte so nicht sein. Ob mir das immer gelingt, wage ich zu bezweifeln. Auch ich bin manchmal ungerecht. Das nicht zuzugeben wäre eine absolute Fehleinschätzung der eigenen Person. Der Unterschied ist aber, ob man sich entschuldigen kann für seine Ungerechtigkeit, setzt natürlich voraus, dass das auch erkannt wird.

Ich reflektiere meinen Tag, evaluiere ihn für mich selbst und bewerte ihn. Ich spreche mit Freunden, meinem Mann und höre mir Kritik an und versuche so, etwas ungerechtes dann wieder gerecht zu machen. Das fällt natürlich nicht immer leicht. Aber was ist schon leicht am Erwachsensein?

Und so lese ich alles was man mir zukommen lässt, mit dem Bewusstsein das ich ein Menschenleben berühre, es verändern könnte und maßgeblich eine Entscheidung beeinflussen kann oder den Blickwinkel verändere. Dem sollte man sich immer bewusst sein.

Der Grat zwischen verkacken und „gut hinbekommen“ ist schmal. Gerade dann wenn man nicht mehr den persönlichen Kontakt hat und sich lediglich auf geschriebenes Wort verlassen muss. Aber ich versuche es immer so neutral wie möglich und damit wertfrei zu lesen und dann auch so zu antworten. Manchmal sind es dann die Inhalte zwischen den Zeilen die etwas ändern.

Die Nachrichten die mich in den letzten Wochen erreichten, kamen zunehmend von Azubis aus der Pflege mit Fragen nach Ratschlägen, Tips, Ausbildungsinhalten, Prüfungsthemen und Geschichten aus dem Alltag.

Ich höre Ihnen allen zu, scheinbar tun es nur wenige oder keiner.

Und in jedem Moment wo ich antworte und schreibe ist mir bewusst, dass jeder seine eigene Maria ist, der man nur im richtigen Moment zur richtigen Zeit einfach nur ein Lächeln und die richtigen Worte sagen muss um den Tag ein bisschen besser zu machen. Ihnen das Gefühl gibt „ich sehe dich, ich nehme dich als Person wahr“.

Ich hoffe immer das es hilft und ich etwas Gutes geschafft habe, aber am Ende bin ich immer betroffen und packe es in meinen Tag und nehme es mit ins Bett.

Gerne würde ich noch sagen „Du bist wichtig, so wie du bist, lass dir das nicht nehmen“, schreibe es aber nie. Warum weiß ich auch nicht.

Daher hier:

„Du bist wichtig, so wie du bist, lass dir das nicht nehmen!“

#WirHabenEineStimme

Warum redet niemand MIT uns?

Die Pflege und ihre Fürsprecher….das ist ja immer so ein ganz heikles Thema.

Fangen wir aber mal von vorne an. Die Pflege ist in Deutschland zerstritten.

Wir sind eine eigene Profession, die ihre eigene Evidenz hat und wir sind längst vom schmückenden Beiwerk zu einer eigenständigen, emanzipierten, starken Berufsgruppe herangewachsen.

Sollte man meinen. Ist aber leider nicht so.

Deutschlands Pflegekräfte sind so uneins wie nie zuvor.

Auf der einen Seite stehen junge, hochmotivierte, akademisierte Pflegekräfte, die die Pflege als Profession voran bringen wollen, sie weiterentwickeln wollen, sie loslösen wollen vom Althergebrachten, von Barmherzigkeit und Empathie emanzipieren wollen. Weit fort von „Wir machen es für ein Lächeln“

Auf der anderen Seite steht eine Armada an alten Pflegekräften, die ausgebrannt und hoffnungslos sind, die seit Jahren in einem System gefangen sind, das immer und immer wieder Versprechungen gemacht hat, Geduld gefordert hat und erpresst hat a la „aber denk bitte an deine Patienten“ und dabei ganze Generationen kaputt gespart hat. Sie sind wütend ob der neuen Emanzipationswelle, ob der Freiheit die sich eine ganz neue Generation herausnimmt, ob der eigenen Machtlosigkeit und ob der eigenen Lethargie. Auch weil man sie schlichtweg im Stich gelassen hat. Ganz pathetisch und in diesem Kontext fällt mir der Filmtitel „Gottes vergessene Kinder“ unabhängig vom Inhalt ein. Mehrere Generationen sind von der Politik verlassen worden. Ihre Verdrossenheit ist bedingt nachzuvollziehen.

Diese Gruppe trägt aber momentan noch das System mit und fordert ihre jahrelange Opferbereitschaft auch von der neuen, jungen Generation ein.

„Damals, also bei mir war das noch ganz anders“

„Da musst du jetzt durch!“

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“

„Wenn du mal fertig bist mit deiner Ausbildung und ein paar Jahre im Beruf bist, kannst du mitreden!“

Oft treffen jungen, motivierte Kollegen, sofern noch nicht gänzlich durch die Ausbildung demotiviert, auf ein älteres Team die oft jedweden Fortschritt blockieren, demoralisieren und Erneuerungen ablehnen. Ein homogenes Gefüge gibt es selten, ebenso wie ältere Fachkräfte die die jungen stärken und unterstützen. Dem gegenüber stehen ebenfalls junge Kräfte die laut sein wollen und müssen, was ändern wollen, sich aber nicht trauen auf Grund von Repressalien und Mobbing innerhalb des Gefüges. Alteingesessene Teams schotten sich gerne ab, weil es so schön behaglich in ihrer Blase ist und diese Ruhe bitte nicht gestört werden sollte. Man hat sich irgendwie arrangiert, erträgt und wartet weiter ab. So brennen auch schnell gerade eben die jungen Kollegen aus.

Diese Uneinigkeit ist mit ein Grund dafür warum Pflege nicht selbst für sich spricht. Jene die wollen erfahren keine Rückendeckung oder werden schlichtweg als zu jung wahrgenommen, was völlig absurd ist. Aber gerade im Bereich der Pflege schlägt die Eminenz oft noch die Evidenz. Manchmal wundere ich mich wie wir es geschafft habe uns von „Eisen und Föhnen“ zu emanzipieren.  Die jüngeren Kollegen finden noch nicht immer ihre Kanäle und wenn Sie sie finden, werden sie beäugt als wären sie der neue Staatsfeind Nr. 1, während die Älteren dasitzen und in ihrer Lethargie und ihrem Meckermodus versinken. Das System wird angeprangert, aber es steht niemand mit längerer Teamreputation auf und greift unter die Arme.

Du mit deiner Evidenz!“ 

Ein oft gehörter Satz. Wieviel er kaputt macht ist kaum zu beziffern. 

Diejenigen die sich weiterbilden und FÜR die nächste Stufe der Professionalisierung eintreten, brauchen einen langen Atmen und ein dickes Fell. Sie kämpfen nicht gegen Windmühlen, aber gegen Angst, Unsicherheit, Traditionen und Unwissen. Unsichtbare Feinde sind nur schwer zu kontrollieren.

Und während die Zerrissenheit der Pflege weiter absurde Stilblüten treibt und wir uns öffentlich über Begrifflichkeiten streiten, werden Ärzte, Kassen, Juristen und Arbeitgeberverbände vor die Kamera und in die Presse gezogen um ihre Meinung zur Pflege darzulegen. Es gibt Interviewanfragen, aber an eben jene, mit der Bitte die Pflegesituation zu beleuchten und Ursachenfindung zu betreiben. 

Ich kann die Interviews mit Dr. med. als Ansprechpartner zur Pflegesituation nicht mehr zählen und ich will sie langsam auch nicht mehr zählen.

Daher die völlig ernstgemeinte Frage: 

Wann hört man auf ÜBER uns zu sprechen, anstatt MIT uns?

Wir haben längst hochqualifizierte Ansprechpartner in fast jedem Bereich und trotzdem werden wir ignoriert. Schmückt sich der Beitrag einer Tageszeitung oder der Boulevardpresse besser mit einem Doktor in der Schlagzeile?

Wir können Einschätzungen liefern anhand von aktuellen Studien, können Prognosen erstellen, den Pflegenotstand und seine Entwicklung in jeder Facette beleuchten und dessen Entstehung belegen.Alles ganz wissenschaftlich.

Aber das ist vielleicht zu wenig „Herz“ zu wenig „Emotion“, zu wenig „Lächeln“, denn das ist uns leider schon vor ein paar Jahren ausgegangen.

Fakt ist, die Pflegemisere beleuchtet durch die Pflege, ist nicht erwünscht oder die Fähigkeit diese rational darzustellen wird uns als nicht vorhanden unterstellt.

Ich verurteile dieses Vorgehen massiv!

Ein Arzt in der Klinik bekommt sicherlich einen etwas besseren Eindruck von diesem Zustand, als ein niedergelassener Arzt, und trotzdem steht er nur daneben und kann es nicht in seiner Gänze erfassen. Wie auch? Sie sind mit ihren eigenen Defiziten die das System hervorbringt beschäftigt und ich nehme es Ihnen nicht übel.

Der Vorstand einer Krankenkasse ist gänzlich unfähig die Situation zu beurteilen. Da kann man eher den Pförtner in einer Klinik befragen. Das mag ironisch klingen, ist aber mein völliger Ernst.

Also nochmal. warum fragt man nicht uns?

Sollte das Argument sein, es mangelt an Ansprechpartner, so versichere ich gerne, dass die Recherche nach diesem insuffizient gestaltet worden ist.

Ist es die Angst vor etwas Unbequemen? Die Angst öffentlich als Medium ein heisses Eisen anzufassen mit einem ungewissen Outcome?

Ja, das Thema ist unbequem!

Ja, das Thema tut weh!

Aber manchmal geht es nicht ohne Schmerzen.

Ich erwarte von den modernen Medien, dass sie genauso so an Fortschritt interessiert sind, wie die junge Generation der Pflegekräfte jetzt auch, und die althergebrachten Zöpfe abgeschnitten werden und endlich wahrnehmen das es keinen Doktor der Humanmedizin braucht um  für die Pflege zu sprechen.

Es gibt uns, und wird sind nicht wenige!

Dem Umstand sollte endlich Respekt entgegengebracht werden und hilft sicherlich der Pflege anders wahrgenommen zu werden, auch innerhalb der Pflege selbst.

Nehmen Sie endlich den Arzt als Sprachrohr der Pflege aus ihrem Repertoire, sonst wird die unbewegliche Gruppe der Pflegekräfte sich weiter hinter der Medizin verstecken und die neue Generation an Pflegekräften weiter nicht ernst nehmen.

Zollen sie der Emanzipation bitte den Respekt den sie verdient.

Sonst wird das nichts.

Für euch

Stets beliebt: Jahresrückblicke! Kann man ganz allgemein halten, die soziale Situation anprangern, die Politik in den Fokus rücken oder ganz persönlich gestalten.

Ich halte mich lieber an Letzteres! Mein Großvater sagte immer, dass man besonders am Ende des Jahres, ehrlich zu sich und seinen Mitmenschen sein sollte, um den Kopf für Neues frei zu bekommen, um Platz im Herzen zu schaffen, um die Seele zu reinigen und um zu akzeptieren das Dinge nun mal geschehen und man es oft einfach geschehen lassen muss um Glück zu finden. Wie dankbar ich für diese Worte gerade dieses Jahr bin, kann ich ihm nicht mehr sagen, aber sie gewinnen heute Überhand. Kitschig, was?

Also was war 2019 für mich? Kurzum: Ein absolutes Hoch und Tief an Emotionen, an Ereignissen, an Entscheidungen, an Begegnungen.

Die Begegnungen bedingten die Entscheidungen und die Emotionen. Sie rissen mich mit und ließen mich oft mehr als ratlos zurück, mich selbst nicht wiedererkennend.

Aber es waren auch diese Begegnungen die mich stärkten, mich umarmten, mir sagten das alles gut wird, dass ich Träume verwirklichen soll, mich schubsten, mich aufhielten, mich nahmen wie ich bin, mich akzeptierten, mich schüttelten und mich am Ende doch liebten für das was ich bin.

Es war ein Begegnung die mich Anfang des Jahres ins Medizinstudium schickte, mit dem einfach Satz „Machs einfach“ und ich keine Begründung fand warum ich es nicht machen sollte. Das mir die Worte und Argumente ausgehen ist selten, aber bei diesem Menschen geschieht es regelmäßig, auch wenn ich ein „Lebensaufgabe“ bin. Ich danke dir für alles was du „angerichtet“ hast und ein Teil meines Herzens wird immer dir gehören weil ich dir dankbar auf unendlich vielen Ebenen bin. Du weißt das ich dich dafür immer lieben werde.

Das Twankenhaus folgte und ich lernte unfassbar tolle Menschen kennen, die an einer gemeinsamen Utopie fürs Gesundheitswesen arbeiten. Das, wofür ich im beruflichen und privaten immer alleine kämpfte traf auf eine Gruppe und ich fühlte mich weniger „machtlos“. Dieser Verein ist mehr als eine Ansammlung von illusionären Geistern, dieser Verein bedeutet Zukunft. Zukunft für ein marodes System, Zukunft und Hoffnung für eine ganze Berufssparte die jeder kennt aber völlig am Rande einer insuffizienten Politik steht und zusehen muss wie es tagtäglich schlechter wird. „Wir motzen nicht, wir bieten Lösungen“. DAS ist es was uns ausmacht! Absolut einmalig in diesem System, weil wir multiprofessionell sind und das auf Augenhöhe. Ich lieb euch alle für das was ihr seid! Jeden Einzelnen!

Eine weitere Begegnung folgte Mitte des Jahres und riss mich völlig mit, auf jeder Ebene. Es war ein bissl so als wenn ein Sturm auf unbefestigtes Land trifft. Es trifft dich, verwüstet deine Landstriche, bringt Mauern zum Einsturz und hinterlässt ein Trümmerfeld. Ich war auf dich nicht vorbereitet, selbst wenn man mich gewarnt hätte, ich hätte es abgetan und gesagt „Wird halb so schlimm werden“ und hätte keine Schutzmaßnahmen getroffen. Du brachst also über mich herein, hinterließt das besagte Trümmerfeld. Ich war wütend, auf dich, auf mich, auf Gott und die Welt. Wie oft ich dich verflucht habe und mich gleichzeitig bei mir selbst dafür entschuldigt habe, kann ich nicht mehr zählen. Das Chaos war dir irgendwann selbst bewusst aber du bliebst und ich fand Ruhe. Bei mir, an meiner Seite, warst du selbst die notwendige Schadensbegrenzung, ganz ohne Worte, weil du einfach nur da warst. Jeden Tag seitdem. Du bist Anker und Sturm gleichzeitig, aber ich habe gelernt damit zu leben, mal schlechter, mal besser. Wir reden nicht darüber und dennoch wissen wir um dieses Ereignis. Machmal braucht man aber auch keine Worte, es sind oft auch nur Kleinigkeiten und das Wissen das man jemand anderem wichtig ist.Es ist ein bisschen so, als würde man gemeinsam auf das Meer gucken, ruhig, entspannt, lächelnd. Du bist derjenige der es schaffte, ganz ohne Mühe, den Mörtel aus meiner Mauer zu kratzen und ich ließ es zu ohne die nächste Mauer hochzuziehen. Für das Chaos mache ich dich nicht verantwortlich, daran bin ich selbst schuld, aber ich bin glücklich das du es warst und bist. Du bereicherst jeden Tag und ich bin dankbar für das was wir haben und auch nicht haben. Wo es mich hinbringen wird oder dich, weiß ich nicht aber ich glaube fest daran das es seinen Sinn hatte. Dafür gehörte dir schon immer mein Herz, ich wusste es nur nicht.

Ich fand einen anderen wunderbaren Menschen. Ein Misanthrop so sagt er selbst, aber er gehört zu den wunderbarsten Menschen die ich je kennenlernen durfte und ich bin stolz darauf ihn Freund nennen zu dürfen, auch wenn das jetzt wahrscheinlich schon wieder übergriffig ist. Wenn du das hier liest: Für dich stehe ich auch nachts um drei ohne Diskussion auf wenn`s sein muss. Du bist ein toller und warmherziger Mensch. Lass dir von niemandem was anderes erzählen und ich wünsche dir alles Glück der Welt. Wenn es einer verdient hat, dann du! Unsere Telefonate sind jedesmal eine Bereicherung, dümpeln von tiefsinnig , zu albern, zu ernst, zu Blödsinn und ich lache mich jedesmal kaputt und meine Welt ist in diesen Stunden ein besserer Ort. Danke dafür! Ich möchte davon keine Minute mehr missen.

Es folgten so viele weitere fabelhafte Menschen auf Twitter die mir jeden Tag ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Ich mag jeden Einzelnen von euch auch wenn ich von vielen gar nicht den Namen kenne. Eure privaten Nachrichten, eure Tweets, eure Replies machen Twitter irgendwie zu einem zu Hause und ich bin gerne bei euch, auch wenn euere Musikempfehlungen wirklich wirklich richtig schlecht sind…mit wenigen Ausnahmen.

ES IST EBEN NICHT NUR TWITTER!

Ich verbrachte tolle Stunden mit euch, im virtuellen Leben und im echten Leben. Wir lachten, wir trauerten, wir schüttelten den Kopf, wir sahen uns ganz ungeschminkt mit zerzausten Haaren, wir stritten und vertrugen uns wieder. Ihr wisst wer ihr seid und auch euch liebe ich von Herzen. Auch wenn es zwischenzeitlich Differenzen bezüglich der richtigen Backwarenbezeichnung gibt oder ob Sesam auf eine Pizza gehört oder nicht. Am Ende ist nur wichtig, dass man gerne beisammen ist und gemeinsam miteinander lachen kann. Ich umarme euch alle und bleibt bitte so wie ihr seid. Ihr gehört ausnahmslos zu den Besten.

Kommt gut ins neue Jahr! Wir sehen uns dann drüben.

Rechtschreibfehler dürfen wie immer behalten werden .

Was mich an meine Grenzen bringt

Wir haben November. Es ist kalt, es regnet und die Bäume haben nahezu alle Blätter verloren. Eigentlich wäre heute Uni und mikroskopische Anatomie angesagt, aber das kann ich mir heute leider knicken.

Die KiTa des Schmühs hat heute geschlossen, eine Alternative gab es nicht. Der Gatte kann sich leider kein Frei nehmen da durch die obligate Urlaubsplanung seiner Firma alle Urlaubstage so weit verplant sind das nur wenige zur eigenen Verfügung stehen und selbst geplant werden können.

Willkommen in 2019!

Ich sitze hier und verstehe, ehrlich gesagt, die Welt nicht mehr.

Wir haben 2019 und leben immer noch in einer gedanklichen Welt von 1950 wo Mutti schön zu Hause blieb und sich um den Nachwuchs kümmerte oder in den 80er wo Kinder eher zur Bespaßung in die KiTa gebracht worden sind und Schließungen für Team-Sitzungen kein Problem waren, weil das Frauenbild noch so gestrickt war das man zu Hause war.

Wir haben 2019! Das Rollenbild sollte sich längst verändert haben und in allen Köpfen sein. Frauen gehen arbeiten und/oder studieren, suhlen sich nicht vormittags auf dem Tennisplatz und treffen sich anschließend mit der BFF zum Kaffee oder lassen sich die Nägel machen.

Tja, das ist meine Annahme und die entspricht leider nicht der Realität.

Unsere Tochter ist eine der wenigen Kinder die den ganzen Tag in die KiTA geht und für mich stellen kurzfristige Ausfälle ein Problem dar. Der soziale Background ist nicht vorhanden und ich fange an zu rotieren. Letzte Woche ebenfalls ein kurzfristiger Ausfall im Nachmittagsbereich. Ich verstehe, dass Teambuilding und Sitzungen wichtig für die KiTa und das Team sind aber für mich ist auch die Betreuung wichtig die dann ersatzlos ausfällt.

„Na dann nimm sie doch mit in die Uni!“ Sicherlich wäre das eine Alternative, geht aber nicht wenn ich mit Chemikalien oder irgendwelchen pathogenen Keimen im Labor hantieren muss. Und das geht auch zu Recht nicht.

„Gib sie doch zu einer anderen Mutter, die auch zu Hause bleiben muss!“ Ähm… Nein! Vielleicht ist das nächstes Jahr eine Option aber zur Zeit nicht. Das hat nichts damit zu tun das ich sie nicht loslassen kann, sondern ist eher den äußeren Umständen geschuldet. Ich möchte einer anderen Mutter, die ich nur kurz kenne, nicht die Bürde der Verantwortung für ein fremdes Kind aufdrücken.

„Wie du gehst arbeiten?“ Öhm…bei dem Satz guckste auch nur spärlich in die Röhre, besonders dann wenn eine Ausführung der unfassbaren schwierigen Lebensumstände des Gegenübers kommt, dass eine nachmittägliche Schließung der KiTa zum Verschieben des Nageldesign Termins geführt hat. First World Problems par excellence!

„Ach du studierst auch noch….reicht dir das Gehalt deines Mannes nicht?“ Dieser Satz ist auf so vielen verschiedenen Ebenen widerwärtig das ich brechen möchte! Ich habe nicht geheiratet um mich von meinem Gatten aushalten zu lassen, die Füße hochzulegen und einfach mal nichts zu machen. Ich finde nicht die Erfüllung im Haushalt und darin das die Fenster besonders blank geputzt sind und ich vom Fußboden essen kann. Ich will und wollte mehr! Ich will Weiterentwicklung auf jeder Ebene und ich will das Beste für mich, einfach weil ich es verdient habe. Ganz zu schweigen von dem was meine Tochter dadurch als Input erhält: Frauen können alles in dieser Welt erreichen was sie wollen und können unabhängig von einem Mann existieren!

„DU wolltest das so, also leb` damit und beklage dich nicht!“ Ja, ich wollte dieses Kind! Ja, ich wollte das Studium! Aber das mir mehr als nur ein Knüppel zwischen die Beine geschmissen wird, habe ich nicht bedacht und auch nicht gewollt! Und was zur Hölle soll immer dieses „beklage dich nicht?“ Heißt das jetzt, nur weil ich mir etwas so ausgesucht habe, darf ich es nicht mehr als schwierig erachten und drüber reden? Darf ich mich nicht mehr mitteilen und hoffen bei einem anderen Menschen auf Gehör zu stoßen und vielleicht eine Lösung zu finden? Müssen wir Mütter das wirklich immer ALLEINE und bitte STILLSCHWEIGEND hinnehmen nur weil wir ein Kind geboren haben? Bissl bescheuert der Kommentar!

„Also bei mir läuft das ganz wunderbar“ (hier bitte Text einfügen über die tolle familiäre Situation und wie schick das alles bei dem anderen läuft). Ich weiß, dass das nicht böse gemeint ist aber es gibt mir das Gefühl die falsche Wahl beim Ehemann und der Familienplanung getroffen zu haben. Schön wenn es bei euch top läuft, aber eine Darstellung dessen brauche ich nicht und macht mich ehrlich gesagt traurig und ich fange an zu bedauern das es bei mir nicht so ist. Spart euch diese Kommentare bitte.

Aber das ist ein generelles Problem in unserer Gesellschaft! Frauen wird immer noch unterschwellig die Verantwortung übertragen, bei manchen mehr, bei einigen weniger!

Nochmal: Wir haben 2019! Väter gehören zu diesem Konzept genauso wie eine Mutter, gleichberechtigt, sofern vorhanden…oder eben auch andere Lebensmodelle (bitte nicht falsch verstehen) Das sollten auch die Arbeitgeber verstehen. Wer jetzt schreit „Dann muss der Mann sich einen neuen Job suchen!“ hat es leider auch nicht verstanden. Wir sind hier nicht bei „Wünsch-dir-was!“ eine Anstellung die seit fast 20 Jahren besteht, kündigt man nicht. Aber ich erwarte als entfernte Betriebszugehörige das man von seinem traditionellen Familienbild abrückt und auch Männer stärkt, ihre Rolle als Vater überhaupt wahrnehmen zu können, wenn sie es wollen.

Ich bin müde, sehr sogar! Ich kämpfe hier oft gegen Windmühlen und fühle mich allein gelassen mit der ganzen Organisation, mit dem Lernpensum, mit der Erziehung (wobei das nur subjektiv ist) Ratschläge der Familie empfinde ich als blanken Hohn weil sie immer wieder darin gipfeln das ICH viel zu viel will und im Sinne der klassischen Familie den „Medizinluxus“ doch bitte an den Nagel hängen soll….Als Mutter macht man das schließlich nicht.

Doch genau das macht man als Mutter! Ein gutes Vorbild für den Nachwuchs sein, zeigen das es auch eine Welt abseits des klassischen Frauenbildes gibt und das man alles schaffen kann, egal wie widrig die Umstände auch sein mögen.

Wenn man etwas erreichen will, schafft man das auch….irgendwie. Und trotzdem darf ich an meine Grenzen kommen und das auch so sagen! Wir haben 2019!

Schweeeestaaaaa…oder warum uns Begriffe nicht retten werden!

Ich mache mich ja gerne unbeliebt wenn ich sage, dass ich Schwester XY bin und das auch so nach Außen vertrete.

Aber mal von Vorne. Ich bin eine waschechte Krankenschwester, eine der Letzten sozusagen, mit einem Examen von 2002 (ja, Tatsache…so alt bin ich schon). Die Ausbildung war damals völlig anderes gelagert, mehr im medizinischen weniger im pflegerischen und Evidenz konnte damals noch nicht buchstabiert werden. Man hatte rudimentäre Ahnung davon, dass „Fönen und Eis“ nicht mehr das Mittel der Wahl bei Dekubitusbehandlung ist, konnte es aber eben nicht belegen. Wir arbeiteten in Wirklichkeit mit „Anekdotenevidenz“ und „althergebrachten Methoden“ die die Jahrzehnte irgendwie überdauert hatten.

Die Aufmerksamkeit lag auf der ärztlichen Assistenz, nichts weiter. Wir wurden als hübsches Beiwerk wahrgenommen über dessen Anstellung teilweise noch Chefärzte entschieden.

Kaum zu Glauben, dass das erst 20 Jahre her ist.

Das ist aber meine Zeit gewesen. Ich habe damals geflucht über die tägliche Erniedrigung durch die pflegerischen Kollegen und auch durch die Ärzte. Ich war und bin ein denkender Mensch und wollte als solcher wahrgenommen werden. Ich hinterfragte, erschloss mir selbst Inhalte, las Fachzeitschriften, las Bücher, ging in den Diskurs, zweifelte an und sagte auch mal „Nein“

Ich wurde wahrgenommen, ich wurde nach langen Diskussionen respektiert, ich rüttelte Kollegen auf, meine Meinung war plötzlich relevant…aber bei der Ärzteschaft, nicht bei den pflegerischen Kollegen und meine Ausbildungszeit glich damit eher einem Spießrutenlauf.

Ich hatte Einsätze, da träumen die Azubis heute von und nahm alles an Wissen mit, was ging. Nie hatte ich das Gefühl, gerade bei den sooft verhassten Ärzten, unwillkommen zu sein, ganz im Gegenteil. Ich verknüpfte Medizin mit Pflege und argumentierte auf Augenhöhe. Während andere, damals noch „Schüler“, das Essen austeilen durften, durfte ich mit zur Visite, Verbände mitmachen, Untersuchungen begleiten, Blut abnehmen, erstmalig Ultraschall machen etc.

Das Azubis heute gezielt Inhalte vorenthalten werden und Einsätze gestrichen werden führt dann auch mal dazu das eben jene nicht wissen warum eine Magensonde nach Gastrektomie NICHT nach dem Dislozieren wieder durch die Pflege platziert werden darf. Und daran ändert auch eine andere Berufsbezeichnung nichts.

Während sich aber unsere ärztlichen Ausbilder über meinen Einsatz freuten, entglitten dem Pflegepersonal oft die Gesichtszüge, was auch dazu führte das ich direkt nach meinem Examen erstmal meinen eigenen Pflexit vollzog um mein Abi zu machen.

Ich wollte weiter, Stillstand war der größte Feind, aber das „Schwester“ blieb und ich fand es nicht schlimm, war das doch eben meine Bezeichnung.

Der Gesundheits,-und Krankenpfleger kam, löste den Schwerpunkt auf Krankheiten ab und die Prävention rückte in den Mittelpunkt, wortwörtlich. Es veränderte aber nicht das, was wir eh schon immer machten. Patienten zur Gesunderhaltung beraten. Die Evidenz kam nun hinzu und man hatte ein Werkzeug für seine eigene Profession, aber das „Schwester“ blieb bei mir.

Ich fühlte mich wohl mit der Bezeichnung und tue es auch jetzt noch. Es ist ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Berufsgruppe, zu einem Tätigkeitsfeld. Letztlich ist der Begriff auch etwas schützenwertes. Vielleicht ein Relikt aus alten Tagen, wo die Schwestern eben noch wirklich Ordensschwester waren und die Aufopferung im Vordergrund stand. Darüber sind wird aber schon lange hinweg und die Gesellschaft nimmt das auch so wahr. Man weiß um die Intensität und die Belastung die wir tagtäglich ertragen müssen und das wir uns nicht mehr aufopfern für die Sache an sich.

Jetzt, im Zuge der Ausbilungsreform wird uns wieder eine neue Bezeichnung gegeben. Pflegefachmann oder Pflegefachfrau. Und trotzdem wird uns damit nicht automatisch mehr Anerkennung entgegengebracht und mir weniger als als „Schwester“

Anerkennung erarbeitet man sich ganz individuell. Nur weil ich einen schicken neuen Titel habe, sagt das nichts über den Inhalt, und der Inhalt dieser Ausbildung ist schlecht, und wird die Pflege in Misskredit bringen.

Was mir immer wieder auffällt, dass gerade viele Kollegen, egal ob ärztlicher Dienst oder Pflege, gezielt fragen ob man noch „Schwester“ sei oder GuK und die Wahrnehmung sich plötzlich ändert wenn man sagt man sei „Krankenschwester“

Das „Schwester“ avanciert zum Qualitätsmerkmal.

Ich habe auch kein Problem damit, wenn sich jemand mit dem Nachnamen vorstellen will, das ist sein gutes Recht, ich tue das nicht. Ich arbeite in einem kleinen Haus und mein Nachname ist durch meinen Schwiegervater bekannt und nicht sehr häufig hier. Mit „Schwester XY“ bewahre ich mir meine Anonymität und die mir wichtige Distanz, was aber nicht heißt das ich dadurch weniger professionell wahrgenommen werde oder mich gar für meine Patienten aufopfere.

Wir werden das Problem der Pflege nicht mit neuen Begrifflichkeiten ändern, wenn der Inhalt nicht stimmt. Die „Lagerung“ des Patienten wird auch plötzlich nicht besser oder effektiver wenn wir es nun „Positionierung“ nennen, das geschieht nur dadurch das wir wissen warum wir das tun und WIE wir das tun. Alles andere ist kleinkarierte Scheisse die uns nur vom Wesentlichen abhält und zwar von der Professionalisierung insgesamt, und die wird eben NICHT durch die Änderung eines Begriffes passieren.

Die Weglauftendenz wurde zur Hinlauftendez weils positiver klingt…ernsthaft? Wenn ich irgendwo hinlaufe weil es mir Angst macht, laufe ich vor etwas weg. Der Inhalt ist der Gleiche, klingt jetzt aber schöner.

Begrifflichkeiten werden uns nicht retten, Inhalte, Evidenz und Hochschulbildung und ein ändern des Bildes was die Politik vermittelt, dann ist auch „Schwester“ nicht schlimm, sofern es je schlimm war. Aber momentan haben wir nichts anderes selbst in der Hand um etwas zu ändern, also erhängen wir uns an Begriffen und zerfleischen uns gegenseitig wegen Bullshit!

Also lasst doch den „Schwestern“ den Begriff wenn sie es wollen, ist doch völlig wumpe. Sie ist dadurch nicht besser oder schlechter. Die schlechte Konnotation hat allein die Pflege selbst hervorgebracht, niemand sonst.