Was mich an meine Grenzen bringt

Wir haben November. Es ist kalt, es regnet und die Bäume haben nahezu alle Blätter verloren. Eigentlich wäre heute Uni und mikroskopische Anatomie angesagt, aber das kann ich mir heute leider knicken.

Die KiTa des Schmühs hat heute geschlossen, eine Alternative gab es nicht. Der Gatte kann sich leider kein Frei nehmen da durch die obligate Urlaubsplanung seiner Firma alle Urlaubstage so weit verplant sind das nur wenige zur eigenen Verfügung stehen und selbst geplant werden können.

Willkommen in 2019!

Ich sitze hier und verstehe, ehrlich gesagt, die Welt nicht mehr.

Wir haben 2019 und leben immer noch in einer gedanklichen Welt von 1950 wo Mutti schön zu Hause blieb und sich um den Nachwuchs kümmerte oder in den 80er wo Kinder eher zur Bespaßung in die KiTa gebracht worden sind und Schließungen für Team-Sitzungen kein Problem waren, weil das Frauenbild noch so gestrickt war das man zu Hause war.

Wir haben 2019! Das Rollenbild sollte sich längst verändert haben und in allen Köpfen sein. Frauen gehen arbeiten und/oder studieren, suhlen sich nicht vormittags auf dem Tennisplatz und treffen sich anschließend mit der BFF zum Kaffee oder lassen sich die Nägel machen.

Tja, das ist meine Annahme und die entspricht leider nicht der Realität.

Unsere Tochter ist eine der wenigen Kinder die den ganzen Tag in die KiTA geht und für mich stellen kurzfristige Ausfälle ein Problem dar. Der soziale Background ist nicht vorhanden und ich fange an zu rotieren. Letzte Woche ebenfalls ein kurzfristiger Ausfall im Nachmittagsbereich. Ich verstehe, dass Teambuilding und Sitzungen wichtig für die KiTa und das Team sind aber für mich ist auch die Betreuung wichtig die dann ersatzlos ausfällt.

„Na dann nimm sie doch mit in die Uni!“ Sicherlich wäre das eine Alternative, geht aber nicht wenn ich mit Chemikalien oder irgendwelchen pathogenen Keimen im Labor hantieren muss. Und das geht auch zu Recht nicht.

„Gib sie doch zu einer anderen Mutter, die auch zu Hause bleiben muss!“ Ähm… Nein! Vielleicht ist das nächstes Jahr eine Option aber zur Zeit nicht. Das hat nichts damit zu tun das ich sie nicht loslassen kann, sondern ist eher den äußeren Umständen geschuldet. Ich möchte einer anderen Mutter, die ich nur kurz kenne, nicht die Bürde der Verantwortung für ein fremdes Kind aufdrücken.

„Wie du gehst arbeiten?“ Öhm…bei dem Satz guckste auch nur spärlich in die Röhre, besonders dann wenn eine Ausführung der unfassbaren schwierigen Lebensumstände des Gegenübers kommt, dass eine nachmittägliche Schließung der KiTa zum Verschieben des Nageldesign Termins geführt hat. First World Problems par excellence!

„Ach du studierst auch noch….reicht dir das Gehalt deines Mannes nicht?“ Dieser Satz ist auf so vielen verschiedenen Ebenen widerwärtig das ich brechen möchte! Ich habe nicht geheiratet um mich von meinem Gatten aushalten zu lassen, die Füße hochzulegen und einfach mal nichts zu machen. Ich finde nicht die Erfüllung im Haushalt und darin das die Fenster besonders blank geputzt sind und ich vom Fußboden essen kann. Ich will und wollte mehr! Ich will Weiterentwicklung auf jeder Ebene und ich will das Beste für mich, einfach weil ich es verdient habe. Ganz zu schweigen von dem was meine Tochter dadurch als Input erhält: Frauen können alles in dieser Welt erreichen was sie wollen und können unabhängig von einem Mann existieren!

„DU wolltest das so, also leb` damit und beklage dich nicht!“ Ja, ich wollte dieses Kind! Ja, ich wollte das Studium! Aber das mir mehr als nur ein Knüppel zwischen die Beine geschmissen wird, habe ich nicht bedacht und auch nicht gewollt! Und was zur Hölle soll immer dieses „beklage dich nicht?“ Heißt das jetzt, nur weil ich mir etwas so ausgesucht habe, darf ich es nicht mehr als schwierig erachten und drüber reden? Darf ich mich nicht mehr mitteilen und hoffen bei einem anderen Menschen auf Gehör zu stoßen und vielleicht eine Lösung zu finden? Müssen wir Mütter das wirklich immer ALLEINE und bitte STILLSCHWEIGEND hinnehmen nur weil wir ein Kind geboren haben? Bissl bescheuert der Kommentar!

„Also bei mir läuft das ganz wunderbar“ (hier bitte Text einfügen über die tolle familiäre Situation und wie schick das alles bei dem anderen läuft). Ich weiß, dass das nicht böse gemeint ist aber es gibt mir das Gefühl die falsche Wahl beim Ehemann und der Familienplanung getroffen zu haben. Schön wenn es bei euch top läuft, aber eine Darstellung dessen brauche ich nicht und macht mich ehrlich gesagt traurig und ich fange an zu bedauern das es bei mir nicht so ist. Spart euch diese Kommentare bitte.

Aber das ist ein generelles Problem in unserer Gesellschaft! Frauen wird immer noch unterschwellig die Verantwortung übertragen, bei manchen mehr, bei einigen weniger!

Nochmal: Wir haben 2019! Väter gehören zu diesem Konzept genauso wie eine Mutter, gleichberechtigt, sofern vorhanden…oder eben auch andere Lebensmodelle (bitte nicht falsch verstehen) Das sollten auch die Arbeitgeber verstehen. Wer jetzt schreit „Dann muss der Mann sich einen neuen Job suchen!“ hat es leider auch nicht verstanden. Wir sind hier nicht bei „Wünsch-dir-was!“ eine Anstellung die seit fast 20 Jahren besteht, kündigt man nicht. Aber ich erwarte als entfernte Betriebszugehörige das man von seinem traditionellen Familienbild abrückt und auch Männer stärkt, ihre Rolle als Vater überhaupt wahrnehmen zu können, wenn sie es wollen.

Ich bin müde, sehr sogar! Ich kämpfe hier oft gegen Windmühlen und fühle mich allein gelassen mit der ganzen Organisation, mit dem Lernpensum, mit der Erziehung (wobei das nur subjektiv ist) Ratschläge der Familie empfinde ich als blanken Hohn weil sie immer wieder darin gipfeln das ICH viel zu viel will und im Sinne der klassischen Familie den „Medizinluxus“ doch bitte an den Nagel hängen soll….Als Mutter macht man das schließlich nicht.

Doch genau das macht man als Mutter! Ein gutes Vorbild für den Nachwuchs sein, zeigen das es auch eine Welt abseits des klassischen Frauenbildes gibt und das man alles schaffen kann, egal wie widrig die Umstände auch sein mögen.

Wenn man etwas erreichen will, schafft man das auch….irgendwie. Und trotzdem darf ich an meine Grenzen kommen und das auch so sagen! Wir haben 2019!

Veröffentlicht von schwesterunbequem

Alles im Blog unter der Rubrik "Über" nachzulesen

2 Kommentare zu „Was mich an meine Grenzen bringt

  1. Ich sach mal: weiter so! Das Welt- uns Selbstbild einiger Frauen verstehe ich nicht. Wege des geringste Widerstandes, Selbstbeschneidung der Rechte bis hin zur Selbstverleugnung sind 2019 aktueller den je. Hauptsache, die Aussendarstellung stimmt. Nein, wenns grad mal läuft, ist das immer nur eine Momentaufnahme und kann jederzeit stoppen. Und das es immer noch keine Pflicht zur Betreuung für Wie auch immer Beschäftigte gibt, kann ich auch nicht nachvollziehen. Wenn ich als Ehemann, Vater und: „ach, sie sind Arzt?!?“ irgendwo erzähle, dass ich die Familienwäsche wasche, den Großeinkauf gerne! alleine mache und auch noch häufig koche, herrscht oft ungläubiges Staunen. Hallo Welt 2019!
    Also: weiterweiterweiterundnicht aufgeben!
    Grüsse
    mo

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